Privateigentum

Veronika Bond Der Horizont Leave a Comment

‘Der Horizont’, Teil 2, siebzehntes Kapitel: Von primären und sekundären Erlebnissen, negativem Erleben als Privateigentum und warum wir es nicht den ‘Experten’ überlassen wollen

 

“Das Gehirn ist eine Rumpelkammer. Du steckst Erlebnisse hinein, und dort warten sie auf dich.”Ann Patchett

Das menschliche Erleben ist ein verblüffendes Phänomen. Wir meinen es zu kennen. Wir meinen sogar, dass wir es besser kennen als alles andere. Doch unser privates Erleben ist vielleicht das größte ungelöste Rätsel der Menschheit.

Der französische Philosoph Maurice Merleau Ponty hat darauf hingewiesen, dass “die Welt, die sich uns durch unsere Sinne und im Alltagsleben offenbart, auf den ersten Blick so aussieht, als ob wir sie am allerbesten kennen. Denn wir brauchen weder Messungen noch Berechnungen anzustellen, um Zugang zu dieser Welt zu erlangen, und es hat den Anschein, als könnten wir sie begreifen, indem wir einfach die Augen öffnen und unser Leben leben. Doch das ist eine Wahnidee.” (aus The World of Perception, Die Welt der Wahrnehmung)

In drei großen kommerziellen Bereichen geben sich viele Menschen anscheinend große Mühe, unser Erleben zu verbessern. Die Neurowissenschaften, die Selbsthilfe- und die pharmazeutische Industrie wecken Hoffnungen, unser Leiden zu beseitigen oder zumindest zu lindern.

Gleichzeitig widmen sich andere große kommerzielle Felder der Aufgabe, unser Erleben zu verschlimmern. Die Militärindustrie gedeiht durch Krieg und Zerstörung. Die Produzenten von Film und Fiktion müssen laufend Geschichten erfinden, die uns die Haare zu Berge stehen lassen – (das ist rentabel). Und die Medien halten uns durch Gewalt und Tragödien in ihrem Bann.

Zum Ausgleich bieten die Reise-, Spiritualität- und Unterhaltungsindustrien erbauliche Erlebnisse für einen Monat, ein Wochenende oder ein paar Stunden. Mit anderen Worten, das menschliche Erleben ist eine Handelsware. Es ist gut für unsere Wirtschaft.

Als Konsumenten zahlen wir bereitwillig für ein Erlebnis aus zweiter Hand, an dem wir aus sicherer Entfernung teilhaben können. Für negative Erlebnisse aus erster Hand bezahlen wir gern ‘Experten’, die uns helfen sollen, sie loszuwerden.

Aus den Geschichten in den ersten beiden Teilen dieses Buches haben wir gelernt, dass unser persönliches negatives Erleben eng mit unserem schlummernden Potential verschlungen ist.

Wir haben Menschen kennengelernt, die intensives Leiden erlebt haben. Dabei konnten wir entdecken, dass irgendwo unter dem Trauma ein persönlicher Schatz verborgen lag. Diesen Menschen ist es gelungen, ihr negatives Erleben in ein echtes Geschenk zu verwandeln.

Ist dieses Prinzip womöglich auf alle Menschen anwendbar? Könnte es auch auf dich und mich zutreffen?

In Teil 2 haben wir festgestellt, dass alle unverarbeiteten negativen Erlebnisse im menschlichen Bewusstsein bleiben. Sie ‘verschwinden nicht einfach von selbst’. Sie können nirgendwo anders hin.

Ann Patchett hat dies in ihrem Buch Fluss der Wunder treffend ausgedrückt: “Das Gehirn ist eine Rumpelkammer. Du steckst Erlebnisse hinein, und dort warten sie auf dich. Mach dir keine Sorgen. Du wirst sie zur rechten Zeit wiederfinden.”

Die Spuren unserer negativen Erlebnisse lassen sich in die frühe Kindheit und Schwangerschaft zurückverfolgen, vielleicht sogar bis zu Ereignissen, die in früheren Generationen stattgefunden haben. Negative Erlebnisse können wir von unseren Vorfahren ‘erben’.

Ebenso haben wir eine feindselige Haltung gegenüber unseren persönlichen negativen Erlebnissen geerbt. Wir sprechen nicht gern darüber. Wir schieben anderen die Schuld dafür zu. Eltern, Politiker, Lehrer, alle Autoritätspersonen sind beliebte Sündenböcke.

Wir kompensieren unsere negativen Erlebnisse mit Ablenkungen, Vergnügungen, Einkaufstherapie usw. Oder wir benutzen sie als unsere ‘Geheimwaffe’ um andere zu manipulieren. Weil ‘das Leben so ungerecht war’, meint man, ein Recht auf Kompensation zu haben.

 

“Dein negatives Erleben ist dein Privateigentum.”VB

Im Solo System betrachten wir das individuelle menschliche Bewusstsein als einen Mikrokosmos, der von Millionen von Geschöpfen bewohnt ist. Alle persönlichen negativen Erlebnisse gelten als unreif. Die meisten sind innere Säuglinge und Kinder.

Ihr Verhalten kann unberechenbar oder störend wirken, manchmal sogar destruktiv oder gefährlich. Das liegt daran, dass sie in einer unreifen Phase steckengeblieben sind. Sie wollen erwachsen werden, unabhängiger werden und ihr Potential entfalten, doch sie schaffen es nicht aus eigener Kraft.

Wir haben Widerstände gegen unsere negativen Erlebnisse. Uns ist gesagt worden, sie würden nur schlimmer, wenn wir ihnen Aufmerksamkeit schenken. Es sei besser, sie zu vernachlässigen, damit sie aussterben.

Es stimmt, dass die falsche Aufmerksamkeit sie verschlimmern kann. Mit der richtigen Art von Aufmerksamkeit jedoch lässt sich ein unreifes negatives Erlebnis umwandeln. Wenn man es in seiner Entwicklung unterstützt und nährt, dann wächst es einfach aus dem unreifen negativen Zustand heraus.

Randbemerkung: Die Worte ‘Erlebnis’ und ‘Erleben’ können unterschiedliche Bedeutungen haben. Wir müssen zwischen Erlebnissen aus 1. Hand und solchen aus 2. Hand unterscheiden — bzw. zwischen primärem und sekundärem Erleben.

Primäres Erleben betrifft uns aus 1. Hand. Wir waren bei dem Ereignis sozusagen ‘live’ dabei.

Sekundäres Erleben ergibt sich, wenn man andere beobachtet, es ist eine eher blasse Kopie eines Erlebnisses aus 1. Hand. Sekundäres Erleben lässt sich leichter manipulieren.

Primäres Erleben geht tiefer. Als Informationsquelle über uns selbst ist primäres Erleben zuverlässiger. Doch was will es uns sagen? Das ist nicht ohne weiteres klar.

Jetzt wollen wir einen kurzen Blick in die Beziehung zwischen uns und unserem negativen primären Erlebnis werfen. Stell dir vor dein negatives primäres Erlebnis ist ein Kind, und es braucht deine Aufmerksamkeit.

Lass uns dieses innere Geschöpf NePrimEx nennen (vom Englischen Negative Primary Experience). Wenn NePrimEx deine Aufmerksamkeit haben will, dann sorgt es dafür, dass es dir Unbehagen bereitet. Es fühlt sich nie gut an. Es zerrt an deinen Nerven und spielt die ganze negative Gefühlspalette: Angst, Gereiztheit, Frustration, Traurigkeit, Ärger, Wut, Überwältigung usw.

Du hattest eigentlich etwas Besseres vor, also sagst du zum NePrimEx: “Geh weg! Nicht jetzt!!!”

Das bekommen unsere NePrimExe ständig zu hören. Sie müssen mitansehen, wie wir unsere Liebe und Zuwendung ihren Cousins schenken, den PoSecExes (Positive Secondary Experiences), die immer Vorrang haben, während sie selbst immer wieder und wieder in die dunkelsten Ecken der Innenwelt geschickt werden.

Was meinst du, was sie dort drinnen tun? Glaubst du wirklich, dass sie sich einfach in Nichts auflösen?

Nein, sie suchen nach Gemeinschaft mit gleichgesinnten Geschöpfen und unterstützen sich gegenseitig. Sie beobachten dich ständig und warten geduldig auf einen günstigen Augenblick. Und wenn so ein Moment kommt, dann springen sie heraus uns brüllen: “Jetzt bin ich dran! Ich bin dran!!”

Unsere negativen Erlebnisse halten den Schlüssel zu unserem schlummernden Potential. Sie enthalten Informationen, die wir noch nicht begreifen. Sie bilden eine Brücke in das Unbekannte.

Sie wollen uns etwas über Aspekte von uns selbst mitteilen, die wir entwickeln müssen. Wenn wir unseren NePrimExes dabei helfen, erwachsen zu werden, dann brauchen sie uns nicht mehr anzuschreien.

Dein negatives Erleben ist dein Privateigentum. Es ist deine persönliche kreative Substanz, die zur Umwandlung bereit ist.
Das heißt, negatives primäres Erleben lässt sich sofort zur Verwandlung anregen indem wir unsere Beziehung zu ihm ändern.

 

“Verschmähe deine Innenwelt nicht.”Martha Nussbaum

Wenn irgendwelche Experten daherkämen und dir das folgende Angebot machten: “Ich bin Spezialist für die Entsorgung negativer Erlebnisse. Überlass es mir. Ich kann sie ein für alle Mal abschaffen.”

Was würdest du sagen?

Natürlich würden wir liebend gern alle negativen Erlebnisse der Menschheit ‘abschaffen’. Doch unsere NePrimExe lassen sich nicht entsorgen. Sie sind keine Abfallprodukte. Sie sind Produkte unseres eigenen Bewusstseins. Sie sind unsere Sprösslinge. Je mehr wir sie vernachlässigen, umso eifriger reproduzieren sie.

Doch sie sind auch unser wertvollster Schatz. Die Philosophin Martha Nussbaum sagt: “Verschmähe deine Innenwelt nicht. Das ist der erste und allgemeinste Rat, den ich anbieten würde. Unser emotionales Leben zeigt unsere Unvollständigkeit auf … Dieser Mangel an innerem Reichtum katapultiert sie häufig im späteren Leben in die Depression.”

Mit anderen Worten, unsere primären negativen Erlebnisse geben einen Hinweis auf einen Bereich der Innenwelt, den wir noch nicht betreten haben, eine unberührte Landschaft.

Das negative Erlebnis, gewöhnlich in Begleitung negativer Emotionen, signalisiert, dass unter der Oberfläche reiche innere Ressourcen liegen. Das kann frustrierend und ärgerlich sein, denn nichts ist ärgerlicher und frustrierender als das Wissen um einen verborgenen Reichtum ohne den blassesten Schimmer einer Idee, wie man an diesen Reichtum herankommen könnte.

Wenn unter der öden und dunklen Oberfläche kein Schatz läge, dann würde in dieser Gegend nicht eine so bedrückende Atmosphäre herrschen. Du würdest in diesem Bereich deines Lebens keinen Schmerz empfinden.

“Was ist das Heilmittel für diese Erkrankungen?”, fragt Martha Nussbaum und lässt die Antwort sofort folgen: “Eine Art Selbstliebe, die nicht vor den bedürftigen und unvollständigen Anteilen des Selbst zurückschreckt, sondern sie mit Interesse und Neugier akzeptiert und versucht, eine Sprache zu entwickeln, in der man über Bedürfnisse und Gefühle sprechen kann.… Auf diese Weise wirst du nicht mit einem leeren Selbst allein sein; du wirst ein neues reichhaltiges Leben mit dir selbst haben und die Möglichkeiten der wahren Kommunikation mit anderen erhöhen.” (Martha Nussbaum in Take My Advice – Nimm meinen Rat an)

Menschliche Säuglinge brauchen viel Liebe, Aufmerksamkeit und Fürsorge, um sich zu kräftigen und gesunden Erwachsenen zu entwickeln.

Dasselbe Prinzip gilt anscheinend für diese unbezähmbaren NePrimExe aus unserer Innenwelt. Mit etwas regelmäßiger liebevoller Fürsorge und Aufmerksamkeit können sie zu überraschend attraktiven Geschöpfen heranwachsen.

Das scheint nicht allzu schwierig zu sein. Theoretisch lässt sich das gut begreifen.

Doch es gibt einen Haken, und der ist groß und schwer. NePrimExe sind äußerst empfindsame Geschöpfe. Da sie Teil unseres Bewusstseins sind spüren sie jeden emotionalen Widerstand oder Groll sofort.

Sie lassen sich nichts vormachen. Nur reine Authentizität kommt bei ihnen an. Doch wie kann man etwas lieben, das man eigentlich hasst — wie kann man echte Liebe entwickeln, ohne etwas vorzutäuschen?

 

“Immer wenn wir tief zum Kern vordringen, stellen wir fest, dass der Kern gut ist.”Roberto Assagioli

Wir müssen lernen, unsere persönlichen negativen Erlebnisse bedingungslos zu akzeptieren. Das ist vielleicht die größte Herausforderung. Es braucht Übung.

Wir können uns unseren negativen Erlebnissen in kleinen vorsichtigen Schritten nähern. Nach jahrhundertelangen Feindseligkeiten zwischen NePrimExen und ihren menschlichen Eltern ist es eine gute Idee zunächst etwas Vertrauen aufzubauen.

Am Anfang können wir nicht ehrlich sagen, dass wir unser eigenes Leiden lieben. Aus Hass und Ablehnung kann man nicht einfach und plötzlich in elterliche Liebe springen. Doch wir können damit beginnen, dass wir diese gefürchteten unreifen inneren Geschöpfe wahrnehmen.

Du kannst deine Verzweiflung, Wut, Frustration oder Hilflosigkeit wissen lassen, dass du sie bemerkst, und dass du gewillt bist, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass unsere privaten und sehr persönlichen negativen Erlebnisse Aspekte von uns selbst vertreten, die wir noch nicht leben, die noch nicht Teil unseres Lebens sind, deren Existenz verleugnet, missverstanden und verurteilt wurde.

Wir können damit beginnen, dass wir für unsere persönlichen negativen Erlebnisse Verantwortung übernehmen, anstatt ihnen ausweichen zu wollen. Du kannst sie wissen lassen, dass du sie gern fördern würdest.

Unverarbeitete negative Erlebnisse sind energieraubend. Sie nutzen deine Lebensenergie unabhängig davon, ob du ihnen Aufmerksamkeit gibst oder nicht.

Integrierte persönliche negative Erlebnisse sind energiespendend. Sie geben spontane Energieschübe ohne weitere Anstrengungen oder Aufmerksamkeit. Das negative Erlebnis, das anfangs so hässlich und abstoßend aussah, hat sich in etwas Attraktives und Wertvolles verwandelt.

In seinem Buch Synthese schrieb der italienische Psychologe Roberto Assagioli: “Immer wenn wir tief genug in den Kern einer Subpersönlichkeit vordringen, können wir feststellen, dass der Kern — der einen grundlegenden Drang bzw. ein Grundbedürfnis darstellt — gut ist. Dies kann für praktische Zwecke als absolut gelten.”

Eine sogenannte  ‘Subpersönlichkeit’ kann sich als persönliches negatives Erlebnis ausdrücken.

“Ganz gleich wieviele Schichten der Verzerrung es umgeben, das Grundbedürfnis, die Grundmotivation ist gut,” fährt Roberto Assagioli fort, “und wenn es verdreht wurde, so liegt es daran, dass es sich nicht richtig ausdrücken konnte. Der wahre Kern — nicht das was die Subpersönlichkeit will, sondern was sie braucht — ist gut. … Es gilt dieses zentrale Bedürfnis zu entdecken, es bewusst zu machen und akzeptable Wege zu finden, um es zu erfüllen. Und, vorausgesetzt dass wir genügend Verständnis und Können besitzen, lässt es sich befriedigen — wenn nicht vollständig, so doch ausreichend, um den Wachstumsprozess aufrechtzuerhalten.”

 

“Wenn wir das Erlebnis ablehnen, dann lehnen wir uns selbst ab.”Margaret Newman

Teil 3 dieses Buches ist 8 Wegen gewidmet, die zum ‘wahren Kern’ eines negativen Erlebnisses führen können. Sie können uns dabei helfen, den Wachstumsprozess, von dem Roberto Assagioli spricht, anzuregen und aufrechtzuerhalten.

Dies sind die 8 Wege der Verantwortung. Als Erlebende können wir uns von ihnen durch die Innenwelt unserer Erlebnisse leiten lassen, ohne uns darin zu verfahren.  Die Wege folgen einem bestimmten Schema, das die Entwicklung einer liebevollen Haltung gegenüber persönlichen negativen Erlebnissen unterstützt.

Aufgrund unserer eingefleischten Hass-Liebe zu persönlichem negativem Erleben brauchen wir eine starke Motivation für diese innere Arbeit. Hier sind 4 wichtige Motivationen für die Arbeit mit den Wegen der Verantwortung:
1 — Du willst Begegnungen mit einer bestimmten Art von negativen Ereignissen hinter dir lassen.
In der ganzheitlichen Medizin gelten Symptome als Bemühung des Organismus sich selbst zu heilen. Im Einklang mit dieser Sichtweise lässt sich jedes negative Ereignis, sowie das damit verbundene persönliche Erleben, als ein Bemühen des Bewusstseins betrachten, sich in Richtung Gesundheit und Ganzheit zu entwickeln. Du willst persönliche negative Erlebnisse als Sprungbretter nutzen, um dein inneres Wachstum zu fördern.

2  — Du willst Experte für dein eigenes Bewusstsein werden.
Du begreifst, dass alle sogenannten ‘Experten’ zum Thema menschliches Bewusstsein nur ihr eigenes persönliches Erleben mitteilen. Dies ist von Natur aus extrem begrenzt. Du bist neugierig und willst über dein persönliches Erleben mehr über dein eigenes Bewusstsein herausfinden.

3 — Du willst dein schlummerndes Potential aktivieren.
Dir ist klar, dass zwischen deinem einzigartigen schlummernden Potential und persönlichen negativen Erlebnissen eine rätselhafte Verbindung besteht. Diese Verbindung willst du hautnah erleben.

4 — Du möchtest aus deinen Erfahrungen lernen und persönliche Weisheit entwickeln.
Du hast eine Ahnung, dass deine negativen Erlebnisse ein tieferes Wissen enthalten, welches positiv, wahr und weise ist. Du willst diese Weisheit in dir selbst entwickeln und dich in deinem Leben davon lenken lassen.

Es gibt auch ‘negative Motivationen’. Du weißt mittlerweile, dass es ‘nicht gut für dich ist’, wenn du deine negativen Erlebnisse nicht verarbeitest. Margaret Newman drückt dies in ihrem Buch Health as Expanding Consciousness (Gesundheit als wachsendes Bewusstsein) viel besser aus.
Sie ermutigt uns dazu, “Erlebnisse als unsere eigenen Erlebnisse zu akzeptieren, ganz gleich wie groß der Gegensatz zu dem ist, was wir uns vielleicht gewünscht hätten. Wenn wir das Erlebnis ablehnen, dann lehnen wir uns selbst ab und damit beginnen wir den Prozess der eigenen Verteidigung gegen uns selbst und die körperlichen Veränderungen im Zusammenhang mit Stress treten in Erscheinung. Wenn wir die persönliche Kontrolle loslassen, dann wird das Leben entstresst.”

 

“Die Diskriminierung gegen Aspekte von uns selbst ist der Boden, in dem selbstzerstörerische Tendenzen wuchern.”VB

Selbst die stärkste Motivation lässt sich leichter aufrechterhalten, wenn wir uns der Schwierigkeiten und Risiken bewusst sind denen wir begegnen können, wenn wir uns auf die innere Arbeit einlassen. Hier sind 4 häufige Herausforderungen, die sich uns in den Weg stellen, wenn wir versuchen, persönliche negative Erlebnisse zu verarbeiten:

1 — Du stößt auf Widerstand gegen persönliche negative Erlebnisse.
Wir alle haben einen starken Widerstand gegen den Umgang mit persönlichen negativen Erlebnissen. Dafür gibt es 2 gute Gründe:
Erster Grund: Es ist schmerzhaft, sich tiefer auf ein negatives Erlebnis einzulassen. Wenn man sich auf den Schmerz einlässt, scheint er stärker zu werden, und niemand kann das Ergebnis vorhersagen. Das ist sehr beängstigend.
Zweiter Grund: Persönliche negative Erlebnisse wirken überwältigend. Es fühlt sich an, als würde man ‘den Krug der Pandora öffnen’.

2 — Die Veränderung von Gewohnheiten.
Der gewohnheitsmäßige Umgang mit der Welt ist wie eine Sucht. Wir sind seit der Kindheit an sie gewöhnt. Dies ist unsere Überlebensstrategie, und wir sind von unseren gestörten Verhaltensweisen sehr abhängig. Das erscheint uns so normal, dass wir es kaum bemerken.

3 — Im Prozess bleiben.
Wir leben in einer Kultur, die zielorientiert ist. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit einem negativen Erlebnis zuwenden, mit dem Versprechen einer Transformation, dann wollen wir Ergebnisse sehen.
An immature mind chooses immature goals.

4 — Es braucht Zeit.
Diese Herausforderung ist eng mit der vorangehenden verbunden. Wir fühlen uns stark unter Druck,  großartige Dinge zu leisten. Wir haben nie genug Zeit, all die Dinge zu tun, die wir tun wollen.

Die Beschäftigung mit der inneren Arbeit erscheint wie Zeitverschwendung. Paradoxerweise wird die Zeit, die du in dich selbst investierst zu einem Zeitgewinn. Durch die Verarbeitung, Umwandlung und Integration negativer Erlebnisse verändert sich die Struktur deines Bewusstseins.

In den folgenden 8 Kapiteln werden wir uns die 4 Motivationen und Herausforderungen näher ansehen. Sie gehören zu dem natürlichen Rhythmus der Arbeit mit persönlichen negativen Erlebnissen.

Jedes Kapitel stellt einen der 8 Wege der Verantwortung vor. Jeder Weg zeigt eine andere biosophische Folge, und alle sind dazu bestimmt, negative Alltagserlebnisse in persönliche Weisheit umzuwandeln.

Der Ausgangspunkt ist immer ein persönliches negatives Erlebnis. Von dort aus lenken die Wege den Erlebenden durch die Innenwelt, einem tieferen Verständnis des unreifen Aspekts entgegen.

Dass diese Praxis auf dem Erleben beruht, versteht sich von selbst, d.h. der/die Erlebende muss die Übungen dann machen, wenn das Erlebnis aktiv ist und brennt. Als ‘theoretische Übung’ und aus sicherem Abstand bringt es nichts.

Der primäre Zweck der Arbeit ist nicht die ‘Entsorgung’ negativer Erlebnisse, sondern die Versorgung und Pflege unreifer Aspekte bis zur Reife.

Die regelmäßige Praxis dieser inneren Übungen kann die Intensität und Häufigkeit persönlicher negativer Erlebnisse beträchtlich reduzieren. Die Linderung von inneren Spannungen und emotionalem Stress, die ein NePrimEx typischerweise begleiten, muss jedoch spontan stattfinden.

Das gewünschte Ergebnis lässt sich nicht manipulieren. Die autonome Besserung ist die einzige wertvolle Indikation, dass der/die Erlebende auf der richtigen Spur ist.

Auf diese Weise lässt sich der Teufelskreis von Verdrängung und innerem Konflikt beenden. Wir müssen buchstäblich aus der tief verwurzelten Diskriminierung gegen Aspekte von uns selbst herauswachsen. Dies ist der Boden, in dem alle selbstzerstörerischen Tendenzen wuchern, und wir können ihn verwandeln.

Hier ist ein kurzer Überblick über die 8 Wege der Verantwortung

1 — Der Weg der Spiegel
Dieser Weg regt die Selbstbetrachtung an. Er eignet sich zur Verarbeitung von Missgeschicken, d.h. negativen Ereignissen in der Außenwelt, die eine innere Reaktion erzeugen.

Der Weg der Spiegel wird vom Leib gelenkt.

2 — Der Weg der Pfeile
Dieser Weg regt die Selbstbestimmung an. Er ist zur Verarbeitung des Erlebnisses von Mangel oder Knappheit geeignet, d.h. wenn du Schwierigkeiten hast, das zu bekommen, was du willst.

Der Weg der Pfeile wird vom Willen gelenkt.

3 — Der Weg der Waagen
Dieser Weg regt die Eigensympathie an. Er eignet sich für das Erlebnis einer Störung des emotionalen Gleichgewichts.

Der Weg der Waagen wird vom Instinkt gelenkt.

4 — Der Weg der Kristalle
Dieser Weg regt die Selbstentdeckung an. Er ist für die Auseinandersetzung mit einer  Herausforderung geeignet.

Der Weg der Kristalle ist von der Inspiration gelenkt.

5 — Der Weg der Talismane
Dieser Weg regt den Selbstschutz an. Er eignet sich, wenn man aufgrund eines persönlichen Tabus in einem gestörten Muster festgefahren ist.

Der Weg der Talismane wird von der Intuition gelenkt.

6 — Der Weg der Masken
Dieser Weg regt die Eigenprojektion an. Er ist geeignet, wenn man aufgrund blinder Flecken Bedrohungen oder Mängel in anderen Menschen wahrnimmt.

Der Weg der Masken wird von der Imagination gelenkt.

7 — Der Weg der Flammen
Dieser Weg regt die Selbsterkennung an. Er eignet sich, wenn man unter einem Erlebnis eines Verlustes leidet.

Der Weg der Flammen wird von der Seele gelenkt.

8 — Der Weg der Prismen
Dieser Weg regt die Kohärenz an. Er ist für Veränderungen aller Art geeignet, ganz gleich ob diese erwünscht oder ungebeten ins Leben treten.

Der Weg der Prismen wird vom Intellekt gelenkt.

 

© Veronika Bond, 2017

Dieser Artikel ist ein Entwurf des 18. Kapitels des Buches Der Horizont, Band 2 des Solosystems.

Zur Ergänzung gibt es einen e-Letter mit zusätzlichen Informationen zum Buch und dem kreativen Prozess, der dahintersteckt.

Wenn du unsere Updates in Zukunft nicht verpassen willst, melde dich jetzt an.

Anregungen für inneres Wachstum - der Freitagsbrief

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *