Der Weg der Waagen

Veronika Bond Der Horizont

‘Der Horizont’, Teil 3, zwanzigstes Kapitel: Von emotionalem Aufruhr als Heilimpuls, was die Biosophie von Philosophen und Dichtern lernen kann und ein Überblick über den Weg der Waagen

 

“Gefühle kommen über uns und reißen uns mit sich wie die Winde.”Hermann Schmitz

Gefühle sind eine universelle Sprache. Anthropologen haben uns gelehrt, dass die Grundsprache der Emotionen in allen Kulturen gesprochen und verstanden wird. Das heißt, wir können mit Menschen auf der ganzen Welt — zumindest rudimentär — ohne Worte kommunizieren, durch Gefühle und Emotionen.

Doch diese Sprache führt auch zu großen Missverständnissen zwischen Menschen, die unter demselben Dach und in derselben Muttersprache leben. Sie kann sogar zu Fehlkommunikationen in unserem eigenen Innern führen.

Emotionen sind Botschafter aus der Innenwelt. Sie sind Träger für wichtige Informationen, private Meldungen. Diese sind für den Erlebenden sehr wichtig — wenn wir nur wüssten, wie diese Botschaften zu deuten sind.

Hier stehen wir vor einem der großen Paradoxe des menschlichen Bewusstseins: Einerseits beherrschen wir die Sprache der Emotionen fließend; es ist die erste Kommunikationsform jedes menschlichen Säuglings. Andererseits neigen wir dazu, unsere eigenen Gefühle misszuverstehen. Dann fristen wir ein Dasein im Schatten von Angst, Schuld, Wut, Verzweiflung, Neid, Gier oder Kummer. Was wollen sie uns sagen?

In der Säuglingsphase sind wir frei, uns von unseren Emotionen leiten zu lassen. Wir handeln einfach nach ihren Impulsen. Doch sehr bald müssen wir lernen, dass wir als Menschen, die in einer von Menschen geschaffenen Welt aufwachsen, so nicht kommunizieren können.

Damit beginnt die Verwirrung. Unsere eigenen Gefühle, die erste Sprache, mit der wir geboren wurden, wird zu einem Kauderwelsch.

Der Philosoph Hermann Schmitz (geb. 1928) versucht die Verwirrung zu klären, indem er Gefühle als ‘Halbdinge’ definiert. Mal sind sie da, dann sind sie verschwunden. Wenn sie wieder auftauchen, erkennen wir sie sofort. Wir geben ihnen Namen. Sie können sogar in verschiedenen Menschen sehr ähnlich empfunden und ausgedrückt werden.

Hermann Schmitz beschreibt Gefühle als Atmosphären. Er sagt: “Es gibt keine Gefühle, die ich habe, sondern nur Gefühle, die mich haben; sie sind nicht subjektive Akte, sondern übersubjektive Mächte, die die Weite, in der wir leben, gleichsam atmosphärisch durchziehen, über uns kommen und uns mit sich reißen wie die Winde.”

Diese unpersönliche Definition klingt zwar sehr plausibel, unsere Emotionen fühlen sich trotzdem sehr persönlich an. Sie fühlen sich an, als seien sie unsere eigene Privatangelegenheit.

 

“Verzweiflung ist reines Erleben.”Søren Kierkegaard

Wenn emotionales Leiden intensiv und beharrlich ist, dann wird es nicht selten zum Anlass genommen, über den Sinn des Lebens nachzudenken. So hat das Phänomen der menschlichen Emotionen das Lebenswerk vieler Philosophen inspiriert. Hier sind drei Beispiele:

Arthur Schopenhauer (1788 — 1860) war der Überzeugung, dass unsere Fähigkeit, über unser Leiden nachzudenken, eine bestimmte Art von Leiden erzeugt, die wir Weltschmerz nennen, “oder das Leiden als Grundzustand des menschlichen Daseins.”

Hier handelt es sich um eine Verzweiflung bezüglich der menschlichen Existenz, und sie kann dem Leben jeden Sinn rauben. Dieses Erlebnis steigert nicht nur unser Leiden, es wird auch zu einem fruchtbaren Boden für alle Ausdrucksformen des Bösen, die latent in der menschlichen Natur vorhanden sind.

Søren Kierkegaard  (1813 — 1855) behauptet, dass Wahrheit sich immer durch das subjektive Erleben enthüllt. Er suchte nach der existentiellen inneren Bedeutung hinter äußeren Vorgängen — dies waren normalerweise Ereignisse, die dem dunkleren Spektrum des emotionalen menschlichen Lebens zuzuordnen sind.

“Was zur Verzweiflung bringt, muß von außen kommen,”  schreibt Kierkegaard, “und die Verzweiflung ist reines Erleben.”

Die größte Verzweiflung entsteht, laut Kierkegaard, aus einem inneren unerfüllbaren Wunsch, ein anderer Mensch zu sein, bzw. einer noch verzweifelteren Sehnsucht, man selbst zu sein.

Max Scheler (1874 — 1928) entwickelte eine Philosophie der Emotionalität. Er erkannte unterschiedliche Gefühlsschichten, und meinte, die tieferen Emotionen seien dem ‘Ich’ näher gelegen.

Scheler beschreibt die emotionale Komplexität der menschlichen Persönlichkeit. Er unterscheidet zwischen Gefühlszuständen und intentionalen Funktionen des Fühlens. Das Phänomen des Leidens ist nicht nur ein Gefühlszustand, sagt er, sondern dazu gehört auch Fühlen als Tätigkeit.

Die Qualität und Intensität des Leidens hängt von der Einstellung zu den eigenen Gefühlen ab — d.h. wie man den eigenen Gefühlszustand erlebt und damit umgeht.

Max Scheler beschreibt das Leiden auch als eine Form der ‘Läuterung’. Er regt die Entwicklung einer akzeptierenden Haltung gegenüber dem eigenen Leiden an — die Annahme des Leidens als eine Art ‘Wachstumsschmerz’, der vor ihm bereits von Friedrich Nietzsche angedeutet wird.

Er erkennt, dass sich tiefes Leiden nicht dadurch lindern lässt, dass man dagegen ankämpft. Doch die Schmerzen lassen sich lindern oder sogar beseitigen, indem man den Weg des ‘Nichtwiderstandes’ wählt.

 

“Es ist nicht ganz gewiss, dass der Mann, der gierig Kuchen isst, aus Leidenschaft handelt.Galenos von Pergamon

Über 2000 Jahre vor Hermann Schmitz, Arthur Schopenhauer, Søren Kierkegaard und Max Scheler beschäftigte sich eine Gruppe von Philosophen im Alten Griechenland mit dem Phänomen der menschlichen Emotionen. Sie waren als die Stoiker bekannt.

Im Stoizismus wurden Emotionen Pathos (in Griechenland) bzw. Passionen (in Rom) genannt. Das erklärt, warum das Wort Passion zwei verschiedene Bedeutungen hat: Passion im Sinne von Leiden bezieht sich auf schmerzhafte Gefühle; und Passion im Sinne von Leidenschaft wird den angenehmen Gefühlen zugeordnet.

Die stoischen Philosophen machten einen Unterschied zwischen vermeidbarem pathos und unvermeidlicher propatheia (bzw. antepassio auf Lateinisch). Die propatheia sind ‘einleitende Impulse’, definiert als unwillkürliche Gefühlsregungen. Sie kommen ganz unerwartet auf und lassen sich nicht beherrschen.

Ein einleitender Impuls kann ein plötzlicher Schreck sein, Panik, Wut, Kummer, Neid oder jedes beliebige Gefühlserlebnis. Die Bewegung vom einleitenden Impuls zur eigentlichen Emotion ist — in der Philosophie der Stoiker — von dem Urteil des Erlebenden abhängig.

Die Stoiker identifizierten acht einleitende Impulse: Gedanken an Unmäßigkeit, Unzucht, Geiz, Schmerz, Wut, Lustlosigkeit, Eitelkeit und Stolz. Das höchste Ideal der Stoiker war es, einen Zustand der apatheia zu erreichen, übersetzt als Freiheit von Gefühlen.

Die Grundidee wurde später vom Christentum übernommen und gleichzeitig stark verzerrt. Aus den ‘8 einleitenden Impulsen’ die unwillkürlich auftreten, wurden die ‘7 Todsünden’, die wir um jeden Preis vermeiden müssen. Diese sind (je nach Übersetzung): Hochmut, Geiz, Wollust, Jähzorn, Völlerei, Missgunst und Faulheit.

Doch nicht alle waren mit den Stoikern einverstanden. Galenos von Pergamon, ein berühmter griechischer Arzt und Philosoph schrieb in seinem Buch Zu den Leidenschaften und Irrtümern der Seele:

“Wenn die Seele über einen großen finanziellen Verlust oder eine Schande mäßig erregt ist, dann ist es nicht offensichtlich, ob dies der Gattung der Leidenschaften zuzuordnen ist, ebenso wenig kann man mit Gewissheit sagen, dass der Mann, der gierig Kuchen isst, aus Leidenschaft handelt.”

In seinem Buch Emotion und Seelenfrieden erwähnt der Philosoph Richard Sorabji (geb. 1934) dass die Stoiker “anscheinend dachten, Emotionen seien mit einem Mangel an Kontrolle verbunden, im Sinne eines Konflikts mit dem Urteilsvermögen der eigenen höheren Vernunft.”

Mit dieser Annahme schufen sie einen fundamentalen Konflikt zwischen dem emotionalen Instinkt und dem rationalen Intellekt. Die Stoiker versuchten die Sprache der Gefühle mit den Regeln und dem Vokabular der Vernunft zu interpretieren. Kein Wunder, dass sie von ihren eigenen Gefühlen verwirrt waren und davor Angst hatten.

 

“Warum wollen Sie irgendeine Schwermut von Ihrem Leben ausschließen, da Sie doch nicht wissen, was diese Zustände an Ihnen arbeiten?”Rainer Maria Rilke

Gefühle und Emotionen gehören nach wie vor zu den Hauptbestandteilen des menschlichen Erlebens. Sie können uns mitreißen wie ein starker Wind, über uns hängen wie eine schwere Sturmwolke, in uns einbrechen wie eine Springflut.

Emotionen sind sowohl privat als auch öffentlich, individuell und kollektiv. Das menschliche Leben wird durch unser emotionales Erleben und unsere Einstellung zu diesem Erleben geformt.

Die stoische Philosophie der ‘vermeidbaren Passionen’ und das christliche Konzept der ‘Todsünden’ haben uns weiterhin fest im Griff. Sie halten uns gefangen zwischen Hilflosigkeit und Herausforderung — einerseits sind wir den Launen unseres inneren emotionalen Klimas hilflos ausgeliefert, andererseits stehen wir vor der unmöglichen Herausforderung, dieses innere Klima mit ‘reiner Vernunft’ zu beherrschen.

Über 2000 Jahre der Diskriminierung gegenüber unseren Emotionen sollten ausreichen, um zu erkennen, dass alle Versuche, die emotionalen Fluten durch rationale Konstruktionen einzudämmen, das Problem nicht lösen.

Es gibt jedoch eine relativ einfache Lösung: Wenn wir unsere Emotionen nach ihren eigenen Regeln behandeln und in ihrer eigenen Sprache mit ihnen sprechen — wenn wir uns ihnen stellen können, frei von jeder feindseligen oder defensiven Haltung — dann können wir die persönlichen Botschaften empfangen, die sie enthalten, und die inneren Stürme legen sich sofort.

Hier ist eine Empfehlung von Rainer Maria Rilke aus einem seiner Briefe an einen jungen Dichter:

“Da dürfen Sie, lieber Herr Kappus, nicht erschrecken, wenn eine Traurigkeit vor Ihnen sich aufhebt, so groß, wie Sie noch keine gesehen haben; wenn eine Unruhe, wie Licht und Wolkenschatten, über Ihre Hände geht und über all Ihr Tun. Sie müssen denken, dass etwas an Ihnen geschieht, dass das Leben Sie nicht vergessen hat, dass es Sie in der Hand hält; es wird Sie nicht fallen lassen. Warum wollen Sie irgendeine Schwermut von Ihrem Leben ausschließen, da Sie doch nicht wissen, was diese Zustände an Ihnen arbeiten? Warum wollen Sie sich mit der Frage verfolgen, woher das alles kommen mag und wohin es will? Da Sie doch wissen, dass Sie in den Übergängen sind, und nichts so sehr wünschten, als sich zu verwandeln.”

Es ist nicht leicht, den eigenen emotionalen Kräften als aufmerksamer Beobachter zu begegnen, denn sie bewegen uns sehr tief. Als Beobachter muss man relativ distanziert bleiben, während man von einem emotionalen Ansturm ‘angegriffen’ wird. Das kann hart sein. Es erscheint wie ein Widerspruch.

Doch es ist genau die Spannung zwischen Betroffenheit und Loslösung, die es uns ermöglicht, die natürlichen emotionalen Kräfte zu nutzen.

Loslösung bedeutet hier nicht eine so sichere Entfernung zu halten, dass man von dem emotionalen Erleben unberührt bleibt. Ganz im Gegenteil. Man muss sich auf das Erlebnis einlassen, ohne davon verschlungen zu werden. Man muss den emotionalen Sturm spüren, sich sogar mit ihm identifizieren, und dabei stehenbleiben, gestärkt durch die Absicht, das Ereignis vollständig zu erfassen.

Immer wenn wir ein Stück emotionaler Information begreifen und es vollkommen verstehen, löst sich die Energie der Emotion und wird für das innere Wachstum freigesetzt.

Sympathie ist der Schlüssel zur Auflösung der inneren Spannung. Sympathie mit den eigenen emotionalen Aspekten muss geübt werden. Es sind unreife Anteile von uns selbst, und sie brauchen liebevolle Aufmerksamkeit.

 

“Wenn man mit dem Instinkt in seiner eigenen Mundart kommuniziert, lassen sich emotionale Botschaften als zuverlässige Informationsquellen verwenden.”VB

Im Solosystem sind Emotionen definiert als Gefühle, die mit Informationen geladen sind. Sie gehören zu den Ausdrucksformen des Instinkts – eines der autonomen Bewusstseinsorgane des menschlichen Bewusstseins.

Wir können unterscheiden zwischen primären Emotionen — diese kommen spontan auf und entsprechen den ‘einleitenden Impulsen’ der Stoiker — und sekundären Emotionen — dies sind unsere emotionalen Reaktionen auf die primären spontanen Emotionen.

Sekundäre Emotionen entstehen aus der Einstellung gegenüber den eigenen Gefühlszuständen. Dies ist die erste der 4 Herausforderungen, die sich uns in der biosophischen Praxis stellen, wie in Kapitel 17 erwähnt: Du stößt auf Widerstand gegen persönliche negative Erlebnisse.

Unser Widerstand gegen negative Emotionen ist verständlich, wenn man bedenkt, dass wir alle mehr oder weniger von dem Erbe der stoischen und christlichen Unterdrückung von Emotionen betroffen sind. Die ‘Passionen’, welche die Stoiker hofften ausmerzen zu können, sind nach wie vor tief im menschlichen Bewusstsein verwurzelt.

In ihrem Artikel I feel therefore I am (ich fühle also bin ich) erwähnt Margaret Wertheim, dass Schmerz und Leiden in der mentalen Landschaft Europas im Mittelalter stark gegenwärtig waren. Sie “waren in Darstellungen der Hölle anschaulich geschildert und erinnerten ‘arme Sünder’ an die Qualen, die sie im Jenseits erwarteten, falls sie hier auf Erden nicht die richtigen moralischen Entscheidungen trafen.”

Negative Emotionen werden nach wie vor misstrauisch betrachtet, entweder als ‘moralische Fehler’ oder als ‘geistige Schwäche’. Vor nicht allzu langer Zeit konnte eine hohe emotionale Sensibilität zu einer Diagnose von Wahnsinn und lebenslänglicher Einsperrung im Irrenhaus führen.

Der starke Widerstand, den wir gegen die Auseinandersetzung mit negativen Emotionen entwickelt haben, basiert auf einem gut dokumentierten ‘Konflikt zwischen rationalen und irrationalen Anteilen des menschlichen Geistes’. Doch dieser scheinbare Konflikt wird durch eine falsche Annahme begründet, und durch denselben Irrtum wird er weiterhin aufrechterhalten.

Margaret Wertheim erinnert daran, dass “das Baby des persönlichen Erlebens und der bewussten moralischen Rechenschaft mit dem Badewasser der Seele ausgeschüttet wurde,” weil sich eine dominante Weltanschauung durchsetzte, die sich später als unhaltbar herausgestellt hat: das mittlerweile veraltete wissenschaftliche Modell von der Welt als Maschine.  Jetzt gilt es, das Baby des persönlichen Erlebens zu retten und wiederzubeleben.

Wenn wir unsere Emotionen als Kommunikationsform betrachten, eine Sprache mit eigenen Regeln und Vokabular, wenn wir lernen, mit unserem Instinkt sozusagen in seiner eigenen Mundart zu kommunizieren — d.h. frei von rationaler Interpretation — dann lassen sich unsere emotionalen Botschaften als zuverlässige Informationsquellen verwenden.

Jeder emotionale Aufruhr signalisiert eine sensible Phase im individuellen menschlichen Bewusstsein. Er weist direkt auf einen unreifen Aspekt im eigenen Organismus hin, der zum Wachstum bereit ist.

Der Weg der Waagen ist dazu bestimmt, emotionale Botschaften zu entziffern. Immer wenn wir eine emotionale Störung erleben, fühlt es sich an, als sei die Innenwelt aus dem Gleichgewicht geraten.

Dies ist einer der wichtigsten Prozesse des Solosystems. Er kann uns helfen, das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen, und gleichzeitig wird das innere Wachstum gefördert.

Der Weg der Waagen wird vom Instinkt beherrscht, und er regt die Eigen-Sympathie an. Im Wörterbuch der philosophischen Begriffe wird das Wesen der Sympathie beschrieben als: Miterleben von Gefühlen anderer …und Einfühlen in den Gemütszustand anderer.

Hier richtet sich dieses ‘Miterleben von Gefühlen’ auf das eigene emotionale Erleben, das uns seltsamerweise fremd bleibt, wenn wir uns nicht gezielt damit auseinandersetzen. Wenn wir einer emotionalen Störung mit Sympathie begegnen, dann lässt der oben erwähnte Widerstand sofort nach.

Der Weg der Waagen eignet sich zur Verarbeitung des Erlebens von emotionalem Aufruhr. Er ist insbesondere dann hilfreich, wenn die emotionale Reaktion aus der Sicht des Intellekts keinerlei Sinn macht, wenn die Reaktion ‘irrational’ und übertrieben erscheint.

Der Weg der Waagen unterstützt die Entwicklung des emotionalen Gleichgewichts durch das Erlernen der Sprache der eigenen Gefühle.

 

Überblick über den Weg der Waagen

Der Weg der Waagen ist für emotionalen AUFRUHR geeignet, besonders dann, wenn es für die innere Verstörung keinen ‘guten Grund’ gibt.

1. Waage — Instinkt — Unruhe

Etwas hat mich aus dem inneren emotionalen Gleichgewicht gebracht.

Wie fühle ich mich?

Wende dich deinen Emotionen mitfühlend zu, und höre ihnen zu. Gib ihnen Zeit, höre, was sie dir sagen wollen, und schreib es auf.

2. Waage — Imagination — Erinnerung

Alle Emotionen sind innerhalb des Bewusstseins miteinander verbunden. Metaphorisch gesprochen gibt es in der Innenwelt einen ‘Ozean der Gefühle’, aus dem alle emotionalen Wellen aufsteigen.

Eine emotionale Unruhe löst oft Erinnerungen an frühere schmerzhafte und überwältigende Erlebnisse aus. Sie alle sind mit dem ‘Ursprungstrauma’ verbunden. Darum kann ein emotionaler Tumult oft ein ‘déjà vu’-Erlebnis anschwemmen.

Die Erinnerung kann ein persönliches Erlebnis sein oder eine Geschichte, die im Gedächtnis haftet.

Woran erinnert mich dieses emotionale Erlebnis?

3. Waage — Intuition — Thema

Die emotionale Unruhe und die damit verbundene Erinnerung haben ein gemeinsames zentrales Thema.

Was ist das zentrale Thema dieser emotionalen Situation?

4. Waage — Inspiration — Berufung

Jedes negative Erlebnis ist unreif. Das heißt, es hat das Potential zu reifen und erwachsen zu werden. Finde heraus, was dieses ‘unreife Wesen’ in deinem Bewusstsein werden will, wenn es erwachsen ist. Du kannst es ganz direkt fragen:

Was möchtest du werden, wenn du groß bist?

Denke daran, deinem unreifen emotionalen Erlebnis mit Sympathie zu begegnen. Gib ihm Zeit und höre aufmerksam zu.

5. Waage — Seele — Enthusiasmus

Die Entdeckung des Potentials des unreifen Aspekts erweckt emotionale Erregung. Die Erkenntnis dessen, in was wir hineinwachsen können, fühlt sich spannend an. Dieses Gefühl nennen wir hier Enthusiasmus.

Fühle und beschreibe den Enthusiasmus, der spontan aus der Enthüllung der ‘Berufung’ des unreifen Erlebnisses entspringt.

Wie fühlt es sich an, wenn ich daran denke, dass dies meine Lebensaufgabe ist – oder zumindest ein Teil davon?

6. Waage — Wille — Empathie

Ein emotionales Erlebnis hat immer zwei Strömungen. Die primäre Emotion bewegt sich von innen nach außen; darauf folgt eine Gegenströmung, die in die entgegengesetzte Richtung fließt. Das ist die emotionale Reaktion auf die eigene Emotion.

Bei diesem Schritt auf dem Weg der Waagen ist Enthusiasmus die primäre Strömung, sie entsteht spontan. Die Gegenströmung ist Empathie. Dies ist die emotionale Antwort auf deine eigenen Emotionen, die du auf diesem Weg üben kannst.

Empathie bedeutet sich in ‘andere Gefühle’ einfühlen. Empathie reagiert,  zumindest teilweise, auf die Kontrolle des Willens. Doch es ist unmöglich, einer negativen Emotion rückhaltlos mit Empathie zu begegnen, denn hier ist der Instinkt im Spiel, und der Instinkt ist autonom.

Bei dem vorigen Schritt auf dem Weg der Waagen hat sich dein Horizont erweitert. Nun kannst du das ‘unreife emotionale Wesen’ in deinem Innern in einem größeren Zusammenhang sehen, und rückhaltlose Empathie fällt leicht.

Gib dir etwas Zeit und Raum, um Empathie mit deiner emotionalen Unruhe zu entwickeln. Beziehe alle Schritte mit ein: die Erinnerung, das Thema, die Berufung (in Bezug auf die potentielle Reife) und den dadurch ausgelösten Enthusiasmus. Fühle dich in diesen emotionalen Zustand ein, spüre ihn und beschreibe ihn.

Wie fühlt es sich an, soviel Empathie zu empfangen?

7. Waage — Leib — Ritual

Jetzt hast du eine innere Atmosphäre geschaffen, in der sich dein unreifes emotionales Erlebnis sicher fühlt und in der es sich zur gesunden ausgereiften Erfahrung entwickeln kann.

Bei diesem Schritt auf dem Weg der Waagen hast du Gelegenheit, eine gesunde emotionale Atmosphäre in der materiellen Wirklichkeit zu verankern.

Ein ‘persönliches Ritual’ ist eine einfache Handlung, die du ganz allein in deinen gegenwärtigen Umständen durchführen kannst. Sie braucht nicht länger zu dauern als 5 Minuten. Es kann eine ganz alltägliche Handlung sein, wie etwa einen Spaziergang machen, aufräumen oder eine Tasse Tee trinken. Der wichtigste Aspekt bei dem Ritual ist, dass du von ganzem Herzen bei der Sache bist.

Ein persönliches Ritual kann einmalig sein, oder es kann wiederholt werden, solange es dir gelingt, während der Handlung die ‘rückhaltlose Empathie aus ganzem Herzen’ aufrechtzuerhalten. Ohne diese bewusste Gefühlsstimmung ist das Ritual leer, und leere Rituale sind wertlos.

Was kann ich heute tun, um dieses Erlebnis der Empathie in meinem Alltag zu erfahren?

Identifiziere ein persönliches Ritual und führe es durch.

8. Waage — Intellekt — Einsicht

Um diesen emotionalen Wachstumsprozess weiter anzuregen, muss das neue Verständnis auch in den Intellekt einsinken.

Bei dem letzten Schritt auf dem Weg der Waagen schenke dir selbst noch ein paar Augenblicke, damit sich das neue Verständnis in deiner rationalen Wirklichkeit richtig ‘setzen kann’.

Was habe ich über mich selbst auf diesem Weg erfahren? Welche neuen Einsichten habe ich gewonnen?

 

“Liebe ist, was uns bewegt.”Harry Frankfurt

Der Weg der Waagen ist zur Anregung der Entwicklung von Sympathie bestimmt, angefangen bei der Sympathie mit den eigenen Gefühlen. Obgleich das ‘L-Wort’ hier nicht ausdrücklich verwendet wird, sollte offensichtlich sein, dass Sympathie und Liebe eng miteinander verwandt sind.

In einem Essay mit dem Titel Das liebe Selbst denkt der Philosoph Harry Frankfurt (geb. 1929) über das Thema Selbstliebe nach. Als Synonym verwendet er den Begriff ‘Ganzherzigkeit’. Dies ist ein mentaler Zustand, der sich durch rückhaltlose Verbindlichkeit und Hingabe auszeichnet. Das Herz ist nicht durch Zwiespältigkeit, innere Konflikte und Selbstzweifel gespalten.

Harry Frankfurt glaubt, Selbstliebe bzw. “Ganzherzigkeit ist nicht leicht zu erlangen. Es fällt uns sehr schwer, mit uns selbst zufrieden zu sein.”

Spinoza strebte nach ‘Selbstliebe als höchstem Zustand, den ein Mensch erhoffen kann zu erreichen’, und Sankt Augustin glaubte ‘die Hindernisse zur Selbstliebe können nur durch ein Wunder überwunden werden’.

Wenn wir über unsere emotionalen inneren Konflikte hinauswachsen wollen, dann bewegen wir uns mit der Entwicklung einer liebevollen und mitfühlenden Haltung den eigenen Gefühlen gegenüber in die richtige Richtung. “Liebe ist, was uns bewegt,” sagt Harry Frankfurt.

Im Solosystem bietet die Übung der Eigensympathie einen machbaren Weg zur Selbstliebe. Damit können wir den Bann der Selbstverdammung brechen und die Fesseln der ‘Herzens-Spaltung’ aus unserem stoischen Erbe lösen. Das ist nicht einfach, aber möglich.

Hier noch ein Gedanke von Rainer Maria Rilke zum Thema Liebe: “Auch zu lieben ist gut: denn Liebe ist schwer.

Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.

Darum können junge Menschen, die Anfänger in allem sind, die Liebe noch nicht: sie müssen sie lernen. Mit dem ganzen Wesen, mit allen Kräften, versammelt um ihr einsames, banges, aufwärts schlagendes Herz, müssen sie lieben lernen.

Sich selbst rückhaltlos und von ganzem Herzen lieben nährt die Wurzeln, aus denen die Liebe zum eigenen Leben und zu anderen Menschen wachsen können. ‘Ganzherzigkeit’ bedeutet, sich rückhaltlos und verbindlich auf eine Beziehung einlassen. Es beinhaltet u.a. Aufrichtigkeit, Authentizität, Großzügigkeit und Vertrauen.

Diese Haltung kann die schmerzhafte Spaltung im menschlichen Herzen heilen; das ist es, was wir auf dem Weg der Waagen üben.

 

Quellen:

Harry Frankfurt, Das Liebe Selbst, 2001

Galen, On the Passions and Errors of the Soul, translation Paul W. Harkins, 1963

Tobias Hölterhof, Anthropologie des Leidens,  Leidensphilosophie von Schopenhauer bis Scheler, 2012

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, 1904

Hermann Schmitz, Atmosphären, 2014

Jens Soentgen, Die verdeckte Wirklichkeit, Einführung in die Neue Phänomenologie von Hermann Schmitz 1997

Richard Sorabji, Emotion and Peace of Mind, From Stoic Agitation to Christian Temptation, 2000

Margaret Wertheim, I feel therefore I am, how exactly did consciousness become a problem…, 2015

 

© Veronika Bond, 2017

Dieser Artikel ist ein Entwurf des 20. Kapitels des Buches Der Horizont, Band 2 des Solosystems.

Zur Ergänzung gibt es einen e-Letter mit zusätzlichen Informationen zum Buch und dem kreativen Prozess, der dahintersteckt.

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