Der Weg der Talismane

Veronika Bond Der Horizont Leave a Comment

‘Der Horizont’, Teil 3, zweiundzwanzigstes Kapitel: Von Tabu als Heilimpuls, was die Biosophie von Pionieren und Forschern lernen kann und ein Überblick über den Weg der Talismane

 

“Bohnen sind aus den Hoden des Urahnen geformt.”Lynn Holden

Der französische Philosoph und Dramatiker Voltaire war für seinen produktiven Briefwechsel berühmt und berüchtigt. Einige seiner skandalösesten Briefe schrieb er an eine gewisse Marie Louise Mignot.

In einer anderen Ära und Gesellschaft hätten diese Briefe sowohl den Absender als auch die Empfängerin das Leben kosten können — nicht ihres sexuell freizügigen Inhalts wegen — sondern es war der Kontext, in dem diese leidenschaftlichen Liebesbriefe geschrieben waren. Marie Louise Mignot war Voltaires Nichte.

Inzest ist in vielen Kulturen ein strenges Tabu und wird oft unnachgiebig bestraft. Das überrascht uns nicht, denn es gibt gute Gründe für solche Einschränkungen.

Andere verbotene Handlungen kommen uns eher ‘exotisch’ vor, besonders dann, wenn sie aus fernen Ländern und Zeiten stammen. In ihrer Encyclopedia of Taboos (Enzyklopädie der Tabus) teilt Lynn Holden mit, dass Bohnen in mehreren Kulturen des Altertums Tabu waren, einschließlich in Ägypten, Griechenland und Rom.

“Ägyptische Priester durften Bohnen weder essen noch sie ansehen, und in Rom sprachen die Priester nicht einmal ihren Namen aus.”

Auch die Pythagoräer vermieden die Hülsenfrucht, während sie bei anderen Völkern der Antike zu den Grundnahrungsmitteln zählte — z.B. bei den Chinesen und Azteken. Die Vorteile der Bohne sind uns klar, doch was machte sie für manche unserer Vorfahren so anstößig?

Lynn Holden schreibt: “Cicero versuchte, das Tabu zu rationalisieren, indem er darauf hinwies, dass Bohnen Blähungen verursachen, und dass dies die geistige Ruhe stören würde, die man für prophetische Träume benötigt.”

Wichtiger noch ist der Gebrauch von Bohnen als geweihte Substanz in Gedenkfeiern für verstorbene Verwandte: “Der Verzehr der Bohne wurde dem Essen der menschlichen Seele gleichgesetzt, und damit würde der Seele die Gelegenheit zur Wiedergeburt verwehrt.”

Bohnen wurden auch mit Fruchtbarkeit verbunden — da ihre Form sowohl an Hoden wie auch an Ovarien erinnert. Diese Ähnlichkeit wurde in verschiedenen Kulturen beobachtet, etwa in Griechenland und Japan. Und die Kaingang, ein Volk im Süden Brasiliens, glauben, dass “Bohnen aus den Hoden des Urahnen geformt sind.”

 

“Schmutz ist Materie am falschen Ort.”Lord Chesterfield

“Tabu ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht mehr besitzen.”, schrieb Sigmund Freud in seinem Buch Totem und Tabu.

In dem Versuch, die Bedeutung des Wortes zu definieren, erklärt er weiter: “Unsere Zusammensetzung ‘heilige Scheu’ würde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken.”

Das Tabu-Konzept wurde von Kapitän Cook und seinen Männern bei ihren Besuchen in Polynesien aufgegriffen. Ihnen fielen einige seltsame Sitten der ‘Wilden’ auf, und sie konnten sich deren willkürlich erscheinende Regeln nicht erklären.

Das Wort Tabu wurde von den europäischen Sprachen eifrig übernommen, und seine Bedeutung änderte sich unweigerlich in der ‘zivilisierten’ Umgebung. Durch die westliche Interpretation wurde Tabu zum Synonym für verbotene Dinge und Handlungen.

Der deutsche Physiologe und Psychologe Wilhelm Wundt nannte das Tabu “den ältesten ungeschriebenen Gesetzes-Kodex der Menschheit. Es wird allgemein angenommen, dass das Tabu älter ist als die Götter und in die Zeiten vor jeder Religion zurückreicht.”

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes in den polynesischen Sprachen lässt sich nur in dem ‘prä-religiösen’ Umfeld verstehen, in dem es gebraucht wurde, und die angemessene Rekonstruktion dieser Bedeutung ist für uns nicht einfach.

Für die Polynesier, ebenso wie für alle anderen sogenannten ‘primitiven’ Völker, konnten sich Tabus auf Verhaltensweisen, Orte, Menschen und andere Lebewesen beziehen, die entweder als heilig oder unrein galten.

Pharaos im alten Ägypten und Priester im alten Griechenland waren ‘tabu’, und dasselbe galt für Ausgestoßene der Gesellschaft — Aussätzige, Wahnsinnige, Verbrecher….

Dies ist sehr verwirrend. Wie können Menschen, die wie Götter verehrt wurden, eine Eigenschaft mit Personen teilen, die man als ‘unberührbaren Abschaum’ betrachtete?

Die Antwort ist einfach. Tabu ist keine qualitative Beschreibung im Sinne von ‘gut oder böse’. Es bezieht sich auf beides, gut und böse. Es bezieht sich auf Dinge — Gegenstände, Tiere, Pflanzen, Orte, Personen — die vom normalen Leben getrennt sind.

Um das Bedeutungsspektrum des Wortes Tabu in seiner polynesischen Heimat zu verstehen, können wir es dem entgegengesetzten Begriff ‘Noa’ gegenüberstellen, was soviel bedeutet wie ‘allgemein’ bzw. ‘gewöhnlich’. Tabu bezieht sich auf Dinge, die sich vom gewöhnlichen Alltagsleben unterscheiden.

Lynn Holden stellt eine wichtige Frage, die uns dabei hilft, unser Verständnis von Tabu weiter zu vertiefen: “Was sind die sozialen oder religiösen Ursachen für Tabus. Welche Funktion erfüllen sie?”

Sie gibt zu, dass es viele verschiedene Tabus mit einer Vielzahl von Funktionen gibt. “Doch eine Hauptfunktion dient gesellschaftlicher Kontrolle, der Aufrechterhaltung des Status Quo und der Bestätigung der Autorität der herrschenden Klassen.”

Mit anderen Worten, Tabus schaffen Grenzen im menschlichen Bewusstsein zur Verhütung von Chaos und zum Erhalt der gegenwärtigen Ordnung.

Dies erklärt die Verbindung zwischen Heiligkeit und Schmutz (viele religiöse Tabus treten gehäuft um die Themen Hygiene, Nahrung und Sexualität auf, und sie werden als Präventivmaßnahmen gegen Krankheit und Chaos deklariert).

Heiligkeit repräsentiert die höchste göttliche Ordnung und wird mit Reinheit gleichgesetzt. Schmutz erzeugt Unordnung, oder mit den Worten von Lord Chesterfield, ‘Schmutz ist Materie am falschen Ort.’

 

“Heiligkeit und Unreinheit sind entgegengesetzte Pole.”Mary Douglas

Die Ideen, die wir von den Tabus ‘primitiver Völker’ haben, stammen von Missionaren und Forschern, die fremde Kulturen aus ihrem persönlichen Blickwinkel sahen und ihre eigene Angst vor einem strafenden Gott auf die Bewohner anderer Kontinente projizierten.

Sie brachten uns Bilder von ‘Wilden,’ die in ständiger Angst leben, die fürchten, höhere Mächte zu erzürnen und verbotene Grenzen zu überschreiten. Diese Sichtweise wurde später von Anthropologen korrigiert, die in primitiven Völkern nur geringe Spuren von Angst fanden.

In ihrem Buch Purity and Danger (Reinheit und Gefahr) erwähnt die englische Anthropologin Mary Douglas ein Beispiel: “Wenn ein Azande- Mann herausfindet, dass er verhext worden ist, dann hat er keine Gefühle des Schreckens, sondern er empfindet eine herzhafte Entrüstung, ebenso wie einer von uns sich fühlen würde, wenn er herausfindet, dass ihm Geld unterschlagen wurde.”

Weit entfernt von unserer Zivilisation lebten viele Völker in engen und freundschaftlichen Beziehungen mit ihren Göttern und Dämonen.

“Für uns müssen heilige Orte und Gegenstände vor Verunreinigung geschützt werden. Heiligkeit und Unreinheit sind entgegengesetzte Pole.”, schreibt Mary Douglas. “Es ist angeblich ein Merkmal einer primitiven Religion, dass sie zwischen Heiligkeit und Unreinheit nicht klar unterscheiden. Falls das stimmt, dann zeigt es eine große Kluft zwischen uns und unseren Vorfahren, zwischen uns und den primitiven Völkern der Gegenwart.”

Es mag aussehen, als hätten Tabus in unserer zivilisierten Welt ihre Macht verloren. Im 17. Jahrhundert, als Kapitän Cook von seiner Erkundung unbekannter Ozeane und Kontinente zurückkehrte, hatten wir noch nicht einmal ein Wort für dieses Phänomen. Doch Tabus gab es reichlich, insbesondere im Zusammenhang mit Sexualität, Nahrung und Religion.

Heute können wir frei über Sexualität reden, einschließlich gleichgeschlechtlicher Ehe, Ehebruch, Prostitution und Scheidung — ‘ungewöhnliches’ sexuelles Verhalten wird nicht mehr durch Tötung oder Gefängnis bestraft. (Inzest und Pädophilie sind seltene Ausnahmen in unserer ‘tabu-freien’ Gesellschaft.)

Im Unterschied zu früheren Generationen, können wir jetzt öffentlich über ‘schmutzige Wäsche’ bloggen. Durch die Veröffentlichung über soziale Medien kann sich eine private Sauerei ‘wie ein Lauffeuer’ verbreiten und zum kommerziellen Erfolg werden.

Freiheit von alten Tabus müsste bedeuten, dass wir die Grenzen unserer Vorfahren und den Status Quo überwunden haben. Doch stimmt das wirklich?

Unsere vermeintliche Freiheit hat eine Kehrseite. Die neuen Tabus sind heimtückischer als die alten. Tabus sind nicht festgelegt, wie schriftliche Gesetze und Regeln. Sie ändern sich ständig, sie passen sich an neue Wellen und Trends an, welche die Konventionen der Kultur formen.   

Anstatt in Angst zu leben, eine der ‘7 Todsünden’ zu begehen, stehen wir unter großem Druck, materiell erfolgreich zu sein. Wir müssen ‘unsere Leidenschaft finden’, ‘unseren Job genießen’, ‘perfekte Beziehungen und Familien’ haben, Elternschaft und Karriere professionell jonglieren und dabei wie die Prominenten auf den Titelseiten der Illustrierten aussehen.

Neue Tabus werden ständig unter der Schirmherrschaft der ‘politischen Korrektheit’ eingeführt. Wir zensieren uns selbst andauernd, unsere Sprache, unsere Gedanken und Gefühle, oft ohne es selbst zu merken. Unsichtbarkeit ist das Merkmal mächtiger Tabus.

Tabus haben einen starken  Einfluss nicht nur auf unser Verhalten, sondern auch auf unsere Sprache. Sie schränken ein, was wir sagen und schreiben dürfen.

Andererseits können wir durch unseren Sprachgebrauch die Tabus verändern, mit denen wir leben. Wir erfinden beschönigende Umschreibungen für verbotene Ausdrücke, vermeiden ‘Kraftworte’, oder benutzen sie absichtlich, um eine Reaktion zu provozieren.

Kate Burridge and Keith Allan sind Sprachwissenschaftler aus Australien. In ihrem Buch Forbidden Words (Verbotene Worte) weisen sie darauf hin, dass “einer der Gründe, warum es der ‘politischen Korrektheit’ so gut gelungen ist, Menschen dazu zu bringen, dass sie ihr Sprachverhalten ändern, liegt darin, dass sie ein Klima der stillschweigenden Zensur geschaffen hat.”

 

“Tabus treiben die Erneuerung der Sprache an.”Keith Allan & Kate Burridge

Eines der größten Tabus unserer Kultur ist das Zentralthema des Buches Die Illusion des Ich, geschrieben von dem Philosophen Alan Watts. Der Untertitel heißt im Original: das Tabu der Selbsterkenntnis.

Selbsterkenntnis als Tabu? Die Behauptung erscheint beinahe absurd. Doch es ist genau diese scheinbare Absurdität, die es wirkungsvoll macht. Absurdität dient oft als Tarnkappe für Tabus.

“Unser normales Empfinden von uns selbst ist eine Täuschung, oder bestenfalls eine vorübergehende Rolle, die wir spielen.”, schreibt Alan Watts. “Das uns am nachdrücklichsten auferlegte aller bekannten Tabus ist das Tabu gegen das Wissen, wer oder was du wirklich bist; wer sich hinter der Maske deines angeblich getrennten, unabhängigen und isolierten Egos verbirgt.”

Wenn Tabus unsichtbare Grenzen sind, die das Gewöhnliche vom Außergewöhnlichen trennen —  und damit einen Filter zwischen Ordnung und Chaos bilden — dann spielt die Selbsterkenntnis eine wichtige Rolle im Prozess der Trennung zwischen Täuschung und Authentizität.

Selbsterkenntnis hat alle Eigenschaften eines Tabus. Sie kann sowohl Angst einflößen wie auch Ehrfurcht gebieten. Sie spielt sich an den Grenzen der gegenwärtigen Wahrnehmung der Innenwelt ab. Dies ist deine persönliche Gefahrenzone.

Selbsterkenntnis regt dich dazu an, die bekannten Rollen, die du spielst, zu hinterfragen — Rollen, mit denen du dich vielleicht bereits dein ganzes Leben lang identifizierst. Darum ist sie eine rebellische Form des Wissens.

Selbsterkenntnis ruft dich dazu auf, einen Sprung in unerforschtes Gelände zu wagen, wie Kapitän Cook, als er auf der HMS Endeavour Richtung Terra Australis segelte.

Der Abschied von dem ‘gewöhnlichen Selbst’, um in ein authentisches, ganzheitliches, ‘heiliges Selbst’ hineinzuwachsen, stört unvermeidlich die gegenwärtige persönliche ‘innere Weltordnung’.

Oft finden mehrere Ereignisse statt, die auf die Entscheidung hinführen, sich von vertrauten Ufern zu trennen. Hermann Hesse beschreibt ein solches Erlebnis in seinem Buch Demian:

“Von diesem ganzen Erlebnis, soweit es bis hier erzählt ist, war dieser Augenblick das Wichtige und Bleibende. Es war ein erster Riss in die Heiligkeit des Vaters, es war ein erster Schnitt in die Pfeiler, auf denen mein Kinderleben geruht hatte, und die jeder Mensch, ehe er er selbst werden kann, zerstört haben muss. Aus diesen Erlebnissen, die niemand sieht, besteht die innere, wesentliche Linie unsres Schicksals.”

Synonyme für unsere ‘zivilisierte’ Interpretation des Wortes Tabu sind verboten, verbannt, unzulässig. Diese Definition platziert unsere Tabus in einen Bereich, zu dem uns der Zugang versperrt ist. Das Tabu erscheint dadurch außer Reichweite.

Die Reise des polynesischen Begriffes um den Globus enthüllt jedoch, dass die Einschränkungen eines Tabus als flexible, natürliche und schützende Grenzen gedacht sind. Sie sollen keine starren, unnachgiebigen Regeln sein.

Womöglich sind Tabus als persönlicher Schutz gemeint, nicht als richterliches Verbot oder Bestrafung. Vielleicht existieren die unsichtbaren Grenzen gar nicht, um uns lebenslänglich in innere Einzelhaft einzusperren. Könnten sie wohl dem inneren Wachstum dienen?

Tabus setzen Grenzen, und gleichzeitig regen sie unsere Schöpfungskraft an.

Keith Allan und Kate Burridge haben beobachtet, dass “Menschen, die sich der Eigenzensur bedienen, symbolische Sprache und/oder Wortspiele  verwenden, um Euphemismen zu erzeugen, die oft einen bemerkenswerten Erfindungsreichtum zeigen …. Auf diese Weise treiben Tabus die Erneuerung der Sprache an.”

Dies hat weitreichende Konsequenzen. Zumal Sprache ein Ausdruck unseres Bewusstseins ist, bedeutet es, dass Tabus die Erneuerung des menschlichen Bewusstseins antreiben. Tabus scheinen eine wichtige Rolle in der Erneuerung des Lebens zu spielen, sowohl als schützende Macht sowie als Quelle der Lebenskraft.

 

“Zwischen diesen Wilden und mir, der Beginn einer gegenseitigen Zähmung.”Paul Gauguin

Einer der einflussreichsten Ethnologen und Tabu-Forscher war Claude Lévi-Strauss. Mit seinem Buch Das wilde Denken erkundet er Denkweisen, welche die traditionelle Sicht der sogenannten ‘primitiven Völker’ infrage stellen.

Beim wilden Denken geht es nicht um die Denkweise von ‘Wilden’ im Gegensatz zum ‘zivilisierten, gebildeten Geist’. Das Buch handelt von einer Form des menschlichen Denkens, die sich nicht an die festgesetzten Regeln hält und die über keine offizielle Schreibweise verfügt.

Mit anderen Worten, Claude Lévi-Strauss stellt das ‘wilde Denken’ einem Geist gegenüber, der ‘gezähmt’ worden ist, um effektiver zu sein, vielleicht leichter kontrollierbar und berechenbar. In diesem Sinne haben wir alle sowohl einen ‘wilden Geist’ als auch eine ‘gezähmte Denkweise’.

Tabus entstehen in dem ‘wilden’ Bereich des menschlichen Bewusstseins. Sie siedeln sich in der Dunkelseite an und produzieren unsichtbare doch spürbare und wirksame Grenzen.

Während er unter ‘Wilden’ in Tahiti lebte und malte, erlebte der französische Künstler Paul Gauguin die Befreiung von alten und einschränkenden Grenzen, als er schrieb: “Ich bin allem entflohen, was künstlich, konventionell und üblich ist. Ich trete ein in die Wahrheit, in die Natur.”

Er genoss den inneren Frieden, der ‘in ihn hinabstieg’, und die gegenseitige Bereicherung, die er durch das Leben in der polynesischen Kultur gewann. In Noa Noa, seinem tahitischen Tagebuch schrieb Gauguin: “Es war, zwischen diesen Wilden und mir, der Anfang einer gegenseitigen Zähmung.”

Da wir bisher nur Teile unseres Bewusstseins kultiviert und gezähmt haben, müssen wir lernen, mit den eigenen wilden Anteilen zu kommunizieren. In den wilden Bereichen des Bewusstseins halten wir an persönlichen Tabus fest — oft ohne es zu wissen — die uns daran hindern, das Leben zu führen, das wir uns wünschen.

Um unsere unsichtbaren Grenzen zu durchbrechen, müssen wir einander zähmen — meine wilden Anteile und ich.

 

“Man kennt nur die Dinge, die man zähmt.”Antoine de Saint-Exupéry

Der Weg der Talismane wird vom Bewusstseinsorgan der Intuition beherrscht, und er regt den Selbstschutz an.

Wenn wir in unserem Wachstumsprozess gegen unsichtbare Grenzen stoßen, wenn wir immer wieder in dieselbe Falle laufen und uns unfähig fühlen, bestimmte Hürden zu überwinden, dann kann die Ursache für die Einschränkung ein persönliches Tabu sein. Dies ist eine verborgene, doch wirksame Hemmung, und sie lässt sich nur indirekt aufdecken.

Persönliche Tabus sind dazu da, unseren Wachstumsprozess zu unterstützen. Allerdings muss man ihnen besondere Aufmerksamkeit schenken, denn sie sind ein ernstes Hindernis, das bereits seit langem besteht.

Der Weg der Talismane eignet sich für den Umgang mit persönlichen Tabus. Diese sind dir, als ErforscherIn deiner inneren Wildnis, noch unbekannt. Das Tabu selbst lässt sich nicht direkt wahrnehmen. Was du fühlen kannst, sind seine Auswirkungen.

Wenn du in einem bestimmten Lebensbereich vorankommen willst, spezifische Fähigkeiten entwickeln oder wünschenswerte Erlebnisse kultivieren möchtest, deine Bemühungen aber immer wieder ohne ersichtlichen Grund vereitelt werden, dann kann es sich lohnen, den Weg der Talismane zu erkunden. Er kann dir dabei helfen, das persönliche Tabu aufzudecken und die Fesseln zu lockern, mit denen es dein Leben gefangen hält.

 

Überblick über den Weg der Talismane

Der Weg der Talismane eignet sich für ein TABU, das deinem inneren Wachstum im Weg steht. Zu diesem Zeitpunkt bist du wahrscheinlich nicht in der Lage, das Tabu zu benennen, doch du kannst persönliche Einschränkungen erkennen in Bezug auf einen Bereich, den du gern entwickeln würdest.

Du möchtest zum Beispiel das Erlebnis von innerem Frieden kultivieren, oder innere Klarheit fördern, oder allgemein ein tieferes Verständnis eines Themas gewinnen. Oder vielleicht möchtest du eine erfüllende intime Beziehung nähren oder Ausdruck für deine kreativen Gaben finden usw., doch keine deiner gewohnten Strategien bringen dich dem gewünschten Ziel näher.

Die Absicht dieses Weges ist es, ein persönliches Tabu zu identifizieren, es zu benennen und die Macht zu schwächen, die es über dich hat.

1. Talisman — Intuition — Einschränkung

Jedes Tabu drückt sich als Einschränkung aus. Das Tabu selbst ist normalerweise unsichtbar, und du verstehst nicht, warum es dir nicht gelingt, dieses Hindernis zu überwinden. Beim ersten Schritt auf dem Weg der Talismane hast du die Gelegenheit, eine persönliche Einschränkung im Zusammenhang mit einem Tabu-Bereich zu identifizieren.

A- In welchem Lebensbereich bleibe ich immer wieder stecken?

B- Worin besteht die Einschränkung?

2. Talisman — Inspiration — Gefahrenzone

Der Tabu-Bereich ist eine persönliche Gefahrenzone für dich. Um herauszufinden, was die Gefahren  und Risiken sind, kannst du dir die folgenden Fragen beantworten:

A — Welche Gefahren habe ich im Zusammenhang mit diesem Tabu-Bereich erlebt?

B — Welche sonstigen Risiken muss ich beachten?

C — Was ist daran so gefährlich?

3. Talisman — Seele — Heiliger Raum

Auf der Kehrseite der Gefahr ist jedes Tabu von einer Sphäre der Heiligkeit umgeben. Der 3. Schritt auf diesem Weg führt dich in deinen inneren heiligen Raum. Dieses Heiligtum verbirgt sich hinter einem Schleier von Ehrfurcht und Mysterium. Es fühlt sich an wie ein Ort, zu dem du dich hingezogen fühlst, doch du meinst, es sei dir nicht erlaubt, ihn zu betreten.

Du sehnst dich nach dem Erlebnis, in deinem inneren heiligen Raum zu sein — vielleicht sogar ganz dort zu leben — doch du hast keine Ahnung, wie du in diesen Tabu-Bereich gelangen kannst.

Du kannst dich deinem heiligen Raum annähern, indem du das Erlebnis in dir erweckst, das damit verbunden ist.

A — Was erscheint mir an diesem Tabu-Bereich so verehrungswürdig?

B — Wie wäre es, in diesem heiligen Raum zu sein?

4. Talisman — Wille — Tradition

Höchstwahrscheinlich ist dieser Bereich auch in deiner Familie und/oder Kultur ein Tabu. Wirf einen Blick in deine Familientradition in Bezug auf den Bereich, der im Moment für dich außer Reichweite liegt.

Denke an bestimmte Familienmitglieder, besonders Mutter und Vater, und beantworte die folgende Frage:

Welche Parallelen kann ich zwischen meinen gegenwärtigen Schwierigkeiten und Erlebnissen meiner Vorfahren erkennen?

5. Talisman — Leib — Gewohnheit

In Bezug auf diesen Tabu-Bereich hast du gewisse Gewohnheiten entwickelt. Deine Gewohnheiten fesseln dich an die gegenwärtige Seite der unsichtbaren Grenze zwischen deinem jetzigen Leben und dem Erlebnis, nach dem du dich sehnst. Finde heraus, was diese Gewohnheiten sind.

Welche Gewohnheiten habe ich in Bezug auf diesen Tabu-Bereich?

6. Talisman — Intellekt — Interesse

Jedes Tabu ist in einen sozialen Kontext eingebettet. In diesem Zusammenhang hat der Träger des Tabus bestimmte Vorteile. Durch diesen Eigennutzen besteht immer ein persönliches Interesse, das Tabu aufrechtzuerhalten. Um dein persönliches Interesse aufzudecken, beantworte dir die folgenden Fragen:

A — Welchen Nutzen beziehe ich aus diesem Tabu?

B — Was ist/sind meine persönlichen Interessen an der Aufrechterhaltung dieses Tabus?

7. Talisman — Instinkt — Opfer

A – Mit der Aufrechterhaltung des Tabus bringst du ein erhebliches Opfer. Du opferst das Erlebnis, nach dem du dich sehnst. Wende deine Aufmerksamkeit nun dem Erlebnis zu, das du hättest, wenn du dein Ziel erreichst, und mache dir klar, was du aufgibst.

Welches Opfer mache ich? Welches Erlebnis gebe ich auf?

B – Das Wort Opfer heißt im Englischen sacrifice. Sacrifice bedeutet buchstäblich heilig machen. Bei diesem Schritt hast du Gelegenheit, das Erlebnis, zu dem es dich hinzieht, weiter anzuregen.

Wie würde es sich anfühlen, wenn ich das Erlebnis hätte, nach dem ich mich sehne?

8. Talisman — Imagination — Initiation

Der letzte Schritt auf dem Weg der Talismane lädt dich dazu ein, dich in das Erlebnis einzuweihen, das jenseits der unsichtbaren Grenze in dem ‘verbotenen Bereich’ liegt. Jetzt bist du bereit, dein Leben, in den Tabu-Bereich auszudehnen.

Überlege dir eine Aktivität zur Einweihung in das ersehnte Erlebnis. Führe eine neue Gewohnheit in dein Leben ein, die dir das Erlebnis gibt, das du dir wünschst. Beschreibe diese Tätigkeit und erkläre, dass du dich dazu verpflichten willst, sie zu tun.

 

Mit dem Weg der Talismane lassen sich ‘wilde’ Bereiche in der Innenwelt zähmen. Im Kleinen Prinzen erklärt Antoine de Saint-Exupéry, wie man ein wildes Geschöpf zähmen kann. Der folgenden Unterhaltung zwischen dem kleinen Prinz und dem Fuchs können wir weitere nützliche Hinweise entnehmen:

“Man kennt nur die Dinge, die man zähmt”, sagte der Fuchs.

“Was muss ich tun, um dich zu zähmen?” fragte der kleine Prinz.

“Du musst sehr geduldig sein”, antwortete der Fuchs. “Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras… Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können…”

Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.

“Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen”, sagte der Fuchs… “Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz bereit sein soll, dich zu grüßen.”

 

© Veronika Bond, 2017

Dieser Artikel ist ein Entwurf des 22. Kapitels des Buches Der Horizont, Band 2 des Solosystems.

Zur Ergänzung gibt es einen e-Letter mit zusätzlichen Informationen zum Buch und dem kreativen Prozess, der dahintersteckt.

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