Der Weg der Prismen

Veronika Bond Der Horizont Leave a Comment

‘Der Horizont’, Teil 3, fünfundzwanzigstes Kapitel: Von Veränderung als Heilimpuls, was die Biosophie von der Salutogenese lernen kann und ein Überblick über den Weg der Prismen

 

“Immer ist Wandlung, Unvorhergesehenes. Immer ist das Beständige aus tausend Unbeständigkeiten gefügt.”Jean Gebser

In den letzten sieben Kapiteln haben wir eine Reihe von Ereignissen betrachtet, die uns im Alltagsleben in die Quere kommen können. In diesem letzten Kapitel wollen wir das Phänomen der Veränderung selbst näher erkunden.

Manche Veränderungen im Leben werden erwartet, und der Übergang wird gern mit einem Ritual gefeiert — z.B. Hochzeiten, Beerdigungen, eine Zeremonie am Ende eines Studiums.

Manche Veränderungen werden sehnsüchtig erwünscht, sie erfüllen uns mit Hoffnung, bis der wichtige Wendepunkt erreicht ist — z.B. Begegnung mit einem Lebensgefährten, Heilung von einer langen Krankheit, das Erklimmen einer wichtigen Sprosse auf der Karriereleiter.

Manche Veränderungen sind gefürchtet, denn sie setzen dem ‘guten Leben’ ein Ende — z.B. ein schwerer Unfall, Verlust von Eigentum oder einem nahestehenden Menschen,  jede Art von Krise.

Veränderung ist Evolution, Fortschreiten, Transformation, Regeneration, Aufwachsen und reifer werden.

Veränderung ist Beendigung und Neuanfang. Das scheint völlig natürlich. Es passiert ganz von allein. Die Frage ist: Wie erleben wir die Veränderung?

Manchmal setzen wir alles daran, dass sich das Leben verändert — zum Besseren natürlich — doch ein vertrautes unangenehmes Erlebnis stellt sich in neuer Gestalt wieder ein. In diesem Fall ist das Phänomen der Veränderung besonders schwer zu begreifen.

Warum bringt eine äußere Änderung nicht den entsprechenden inneren Wandel mit sich?

Welche Art innerer Wendung ist nötig, um einen günstigen neuen Verlauf der Ereignisse zu fördern?

Die Schwierigkeiten, die wir mit Veränderung haben, stammen zum Teil aus dem Bedürfnis nach materieller Sicherheit, teils von dem Widerwillen, sich mit negativen Gefühlen zu befassen und teils von einem Mangel an Verständnis der Komplexität des menschlichen Bewusstseins.

Mit Veränderungen in der sichtbaren Dimension der Außenwelt lässt sich relativ leicht umgehen. Man kann sehen, was man anders haben will. Man kann bestimmte Verbesserungen planen und sie je nach den eigenen Ressourcen in die Tat umsetzen. Falls das nicht möglich ist, kann man sich zur Not auch anpassen.

Das Problem mit dieser Orientierung nach außen ist, dass nicht die gesamte innere Wirklichkeit des menschlichen Bewusstseins berücksichtigt wird.

Wenn wir nicht einen inneren Transformationsprozess durchlaufen — ein solcher Prozess muss subjektiv erlebt werden und ist höchst persönlich — dann bleibt die sogenannte äußere ‘Veränderung’ häufig eine bloße Manipulation, und die gewünschte Wirkung kann nicht dauerhaft sein.

Der Philosoph, Dichter und Bewusstseinsforscher Jean Gebser sagt: “Immer ist Wandlung, Unvorhergesehenes. Immer ist das Beständige aus tausend Unbeständigkeiten gefügt.”

Wenn wir Veränderung nicht vorhersehen können, wie lässt sie sich dann bewirken? Ist es überhaupt möglich, den Verlauf unseres Schicksals vorteilhaft zu beeinflussen?

Veränderung ist Bestandteil unserer Evolution als Menschen. Wie wir mit Veränderungen im Alltag umgehen, hängt stark damit zusammen, wie wir uns diese Grundphänomene erklären. Jean Gebser schlägt vor, unser Verständnis der Evolution von Grund auf neu zu betrachten:

“Die heute geltende Evolutions-Theorie, auch die der Entwicklung und des Fortschrittes, sind junge, etwa erst hundert Jahre alte Theorien. Sie erfassen nur… die Hälfte der Wirklichkeit, nämlich nur die sichtbare und beweisbare. Die ganze Wirklichkeit — soweit sie uns überhaupt zugänglich ist — umgreift aber auch ihre uns unsichtbare Hälfte.”

Jene ‘unsichtbare Hälfte der Wirklichkeit’ trägt aber ganz wesentlich zur Gestaltung unseres Bewusstseins bei, und sie beeinflusst die Welt, in der wir leben. Wir müssen das Unsichtbare kennenlernen, um unseren Evolutionsprozess besser zu begreifen.

Nach unserem derzeitigen Verständnis ist Evolution gleichbedeutend mit Fortschritt. Ein ‘evolviertes Wesen’ befindet sich in einem ‘höher entwickelten Zustand’, und dieser ist das ewige Ziel der Veränderung.

Jean Gebser sieht das ganz anders. Er erklärt, “dass wir die Evolution als einen raum- und zeitgebundenen Nachvollzug, der im Bereich des Nicht-Sichtbaren vorentschieden ist, zu realisieren haben.”

Mit anderen Worten, die Wirklichkeit existiert in ihrer Gesamtheit in Dimensionen, die für uns nur zum Teil sichtbar sind. Was wir als ‘Evolution’ bzw. ‘Fortschritt’ wahrnehmen, ist die Entdeckung bereits im Voraus existierender Phänomene in einer Dimension jenseits unserer gegenwärtigen Wahrnehmung.

Wenn wir diese ‘vorentschiedene Evolution’ verwirklichen, dann holen wir etwas nach, das bereits existiert. Unsere Entdeckung in der raum- und zeitgebundenen Dimension vermittelt uns dann den Eindruck von Evolution als Fortschritt.

Jean Gebsers ‘alternative Evolutionstheorie’ zeigt hier einen Zugang zu wesentlichen Ressourcen für die persönliche Transformation.

 

“Spontanheilungen sind in der Medizin kein seltenes Phänomen.”Herbert Kappauf

Manche Veränderungen treten ungebeten in unser Leben. Sie fordern Aufmerksamkeit und zwingen uns dazu, neue Prioritäten zu setzen und uns unverzüglich damit zu befassen.

In früheren Kapiteln dieses Buches sind wir mehreren Menschen begegnet, die sich mit einer solchen Herausforderung auseinandersetzen mussten, als sie eine Krebsdiagnose erhielten. Manche haben eine sogenannte   ‘Spontanremission’ erlebt, andere haben gelernt, mit der Krankheit zu leben, eine Frau ist in einem ‘Zustand der Erleuchtung’ gestorben.

Als Herbert Kappauf als junger Onkologe das erste Mal einem Fall von Spontanremission begegnete, war er überrascht, dass seine Kollegen oft unfreundlich darauf reagierten.

Nach der Erwähnung des Falles in einem Vortrag bei einer medizinischen Konferenz protestierte der Tagungsvorsitzende, ein renommierter Wissenschaftler, mit den Worten: “Das ist doch keine Wissenschaft!” Er empörte sich darüber, dass das Thema bei einer wissenschaftlichen Konferenz überhaupt erwähnt wurde.

Zum Glück wurde der junge Arzt von einem älteren Kollegen ermutigt. Herbert Kappauf erinnert sich: “Als ich dermaßen abgekanzelt in die anschließende Kaffeepause ging, trat ein altehrwürdiger Professor… schmunzelnd auf mich zu: Der verehrte Vorsitzende habe wohl noch nicht verstanden, was Wissenschaft sei: nämlich dass sie mit Fragen beginne.”

Seine frühen Erlebnisse inspirierten Herbert Kappauf dazu, das brisante Gebiet der Spontanremission bei Krebs näher zu erforschen. In seinem Buch Wunder sind möglich  erinnert er uns an eine grundlegende Tatsache: “Spontanheilungen sind an sich in der Medizin kein seltenes Phänomen.”

Viele Infektionskrankheiten, Verletzungen und Knochenbrüche heilen spontan, solange es keine Komplikationen gibt. Sogar bei Herzinfarkten oder Hautkrankheiten gelten Spontanremissionen nicht als ‘außergewöhnlich’.

Krebskrankheiten jedoch sind als ‘bösartig’ bekannt, und sie führen früher oder später zum Tod. Die starke Assoziation zwischen Krebs und Tod kann unser Vertrauen in die natürliche Selbstheilungskraft des Organismus ausschalten, “obwohl inzwischen nahezu jeder zweite Krebsbetroffene realistisch auf eine dauerhafte Heilung hoffen kann.”  

Herbert Kappauf erläutert, dass die systematische Erforschung von Spontanremissionen bei Krebs schwierig ist, weil die Forschung im Labor und die eigentliche Behandlung der Patienten voneinander getrennt sind.

“Unerklärliche Tumorrückbildungen werden nicht in Laboratorien beobachtet, sondern in der Sprechstunde oder am Krankenbett.”

Nach über zwei Jahrzehnten der Erforschung des Phänomens der Spontanremission bei Krebs kommt der deutsche Onkologe zu dem Schluss, dass jede Behauptung einer ‘Wundermethode’ oder Strategie höchst fragwürdig ist.

Mit diesem Befund wird jedoch die Existenz der Spontanheilungen von Krebs nicht abgestritten. Im Gegenteil, wir werden dazu ermutigt, das Heilungspotential in uns selbst zu erkennen, anstatt nach einer äußeren Erlösung zu suchen. Das Geheimnis der Heilung liegt nicht in der Methode, sondern im einzelnen Menschen.

Die spontane Heilung von einer lebensbedrohlichen Krankheit ist eine sehr persönliche Reise. Wer dem Ruf folgt, wird zu einem tieferen Verständnis der eigenen Innenwelt geführt, wie in diesem Gedicht von Mary Oliver beschrieben:

Eines Tages wusstest du endlich,
was zu tun war,
und hast begonnen,
obwohl die Stimmen um dich her
nicht aufhörten,
dir ihre schlechten Ratschläge zuzurufen –

Doch mit jedem Schritt,
den du die Stimmen hinter dir gelassen hast,
haben die Sterne begonnen
durch die Wolkendecken zu brennen,
und da war eine neue Stimme,
die du langsam
als deine eigene erkannt hast,
die an deiner Seite blieb,
während deine Schritte immer tiefer
in die Welt vordrangen,
entschlossen, nur das zu tun,
was du tun konntest –
entschlossen, das einzige Leben zu retten,
das du retten konntest.

(Aus Mary Oliver, Die Reise)

 

“Du hast mich davor bewahrt, über Hauspreise zu reden.
Du hast mein Verlangen nach Alkohol ausgelöscht.
Ich würde sagen, ich bin dankbar,
Doch dazu bin ich noch nicht so ganz bereit.”Anthony Wilson

In der Einführung zu dem Buch Wunder sind möglich, weist der Onkologie-Professor Walter M. Gallmeier darauf hin, dass der Schwerpunkt der modernen Medizin seit dem 19. Jahrhundert “auf die Erforschung der Prinzipien der Pathogenese und ihrer therapeutischen Beeinflussung gerichtet ist.”

Mit anderen Worten, Forscher konzentrierten sich auf Abweichungen von normalen gesunden Funktionen des Körpers. Wenn sie die ‘Krankheitsursache’ fanden, so glaubten sie, die Krankheit könne dadurch eliminiert werden, das man den verursachenden Faktor bekämpft.

Ein neues Forschungsgebiet wurde im 20. Jahrhundert von dem amerikanisch-israelischen Soziologen Aaron Antonovsky eingeführt. In den  1960er Jahren arbeitete er mit Frauen, die eine Inhaftierung in Konzentrationslagern in Deutschland überlebt hatten.

In diesem Zusammenhang wurde er auf eine ‘seltsame  Ungereimtheit’ aufmerksam. Er beobachtete, dass viele dieser Frauen erstaunlich gut im Leben zurechtkamen. Sie schienen nicht an posttraumatischem Stress zu leiden, wie man vielleicht hätte erwarten können. Es sah so aus, als seien sie durch die schweren Belastungen, die sie erlebt hatten, widerstandsfähiger geworden.

Seine Beobachtungen führten Aaron Antonovsky auf einen spannenden neuen Weg. Er fing damit an, dass er die gewohnte Perspektive von Gesundheit und Krankheit als Gegensätze infrage stellte. Stattdessen erkannte er die Zustände von guter und schlechter Gesundheit als Kontinuum.

Anstatt nach Ursachen einer pathologischen Entwicklung zu suchen, hielt er Ausschau nach der Entwicklung von Gesundheit, und das nannte er Salutogenese.

Bei ‘freidenkenden’ Medizinern wie Herbert Kappauf und Walter Gallmeier wurde Interesse an dem Prinzip der Salutogenese geweckt. Sie begriffen, dass Gesundheit nicht ein Zustand ist, der während der Krankheit verloren ist, sondern dass der Organismus aus dem Gleichgewicht geraten ist — dass dieses Gleichgewicht aufrechterhalten werden muss und wiederhergestellt werden kann.

“Durch die Analyse von Spontanremissionen können wir möglicherweise mehr über die Prozesse und Abläufe im menschlichen Körper lernen, die gesund erhalten und gesund machen.”, sagt Walter Gallmeier.

Der Fokus der Salutogenese ist nicht die ‘Abweichung’ — d.h. eine pathologische Gruppe von Symptomen, die sich im Labor analysieren lässt — sondern der einzelne Mensch in seiner bzw. ihrer derzeitigen Situation. Salutogenetische Therapeuten wollen ihren Patienten dabei helfen, herauszufinden, was sie brauchen, um das gesunde Gleichgewicht wiederherzustellen. Natürlich sind die Bedürfnisse für jeden Menschen verschieden.

Als der englische Dichter Anthony Wilson wegen Lymphdrüsenkrebs behandelt wurde, entdeckte er, wie wichtig die Dichtung für seinen Gesundheitszustand war.

In seinen poetischen Memoiren Riddance (Loswerden) berichtet er von seiner Reise von der Diagnose in das ungesicherte Territorium der Remission. Hier ist ein Auszug aus einem der Gedichte, die ‘von der Krankheit inspiriert’ waren:

Du hast mir Zeit gegeben aufmerksam zu werden –
auf Apfelblüten, Handbewegungen,

Du hast mich davor bewahrt, über Hauspreise zu reden.
Du hast mein Verlangen nach Alkohol ausgelöscht.
Ich würde sagen, ich bin dankbar,
Doch dazu bin ich noch nicht so ganz bereit.”

(aus Anthony Wilson, Tumor)

 

“Es ist wichtig, als Teilnehmer in die Prozesse involviert zu sein, die das eigene Schicksal und die alltägliche Erfahrung bilden.”Aaron Antonovsky

Durch die Entwicklung des Konzepts der Salutogenese erkannte Aaron Antonovsky, dass bestimmte Menschen natürliche Widerstandskräfte haben, die es ihnen ermöglichen, sich von Stress und Trauma nicht nur zu erholen, sondern durch das Erlebnis sogar stärker zu werden. Er identifizierte drei wesentliche Bestandteile dieser Widerstandskraft:

1 —  Verstehbarkeit: Man muss die Geschehnisse begreifen und einordnen können.

2 — Handhabbarkeit: Man muss die notwendigen Ressourcen haben, um die Situation zu bewältigen.

3 — Sinnhaftigkeit: Die Situation muss für den Betroffenen einen besonderen Sinn, Wert oder Bedeutung haben.

Diese drei Komponenten erzeugen ein sogenanntes Kohärenzgefühl im menschlichen Bewusstsein. In der Salutogenese gilt das Kohärenzgefühl als Grundlage für die Erhaltung und Wiederherstellung eines gesunden Gleichgewichts.

Auch das Kohärenzgefühl ist sehr persönlich, und es kann sich von einer Situation zur nächsten ändern. Darum warnt Aaron Antonovsky davor, den kognitiven Aspekt des Kohärenzgefühls zu stark zu betonen. Stattdessen hebt er hervor, “wie wichtig es ist als Teilnehmer in die Prozesse, die das eigene Schicksal und die alltägliche Erfahrung bilden, involviert zu sein.” 

Sinnhaftigkeit ist besonders wichtig, denn sie stimuliert die Motivation, sich um eine Genesung zu bemühen.
Die Prinzipien der Salutogenese beschränken sich nicht auf das Kontinuum der körperlichen Gesundheit und Krankheit. Sie lassen sich erfolgreich auf jede Art von Ungleichgewicht im inneren Ökosystem anwenden.

Anstatt sich auf pathogene Faktoren zu konzentrieren, erforscht die Salutogenese Ursachen der Gesundheit. Die Aufmerksamkeit ist auf die selbstheilenden und lebenserhaltenden Kräfte des menschlichen Organismus gerichtet.

Dies ist im Prinzip nichts Neues. In der Homöopathie ist es als Dynamis bzw. Lebenskraft bekannt. In Indien nennt man es Prana, und in der östlichen Medizin heißt es Chi (in China) bzw. Ki (in Japan).

Ebenso wie Jean Gebser, sieht Aaron Antonovsky den menschlichen Organismus als Kontinuum. Das bedeutet, dass die bekannten und unbekannten, die sichtbaren und unsichtbaren, die angenehmen und schmerzhaften Aspekte unerlässliche Beiträge zu unserem Leben und Wohlbefinden leisten.

Laut Jean Gebser wird wahre Transformation nur dann erreicht, wenn es uns gelingt, eine Verbindung zum ‘ewigen Ursprung’ unseres Bewusstseins herzustellen. Dies ist unsere regenerative innere Quelle, welche neue Informationen liefert, zu tieferem Verständnis führt und neue Kraft spendet. Dies ist die lebenswichtige Quelle, zu der wir Zugang finden müssen, um ‘unsere Evolution aufzuspüren’.

Interessanterweise, treibt uns jede lebensbedrohliche Situation, Trauma oder Krise zu einer persönlichen Verbindung mit dieser inneren Quelle hin — dies erklärt Aaron Antonovskys ‘ungereimte Beobachtungen’.

In dem folgenden Abschnitt erklärt Jean Gebser, warum das so ist:

“Es gibt die Urangst. Es gibt angstträchtige Ursituationen, in denen die Urangst ungehindert zum Ausbruch kommt. Aus unbekannten Tiefen wallt sie auf und überschwemmt uns, so dass es scheint, wir könnten dieser untergründigen Macht nichts entgegenstellen… Aber die mächtigen Abgründe des Lebens, in denen die Urangst haust, bergen auch des Lebens Wurzelwerk.”

Darum bieten die besonders dunklen, beängstigenden und schmerzhaften Erlebnisse eine Gelegenheit zur Verbindung mit der Urquelle der Lebens, und sie können uns in ‘übernatürliche’ Höhen befördern.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Mensch jedes Mal in die tiefe und beängstigende innere Dunkelheit eintauchen muss, wenn man etwas verändern will. Es bedeutet einfach, dass Erlebnisse der Dunkelheit uns eine Gelegenheit bieten, zu lernen eine Verbindung mit dem dunklen ‘Wurzelwerk des Lebens’ herzustellen.

Dichtung bzw. jede andere kreative Tätigkeit kann dasselbe tun. Kunst, Musik, und jede Form des kreativen Schreibens lässt sich als ‘heißer Draht’ verwenden, durch den wir eine starke persönliche Verbindung mit dieser lebensnotwendigen Quelle herstellen können.

Kreativität inspiriert uns dazu, unvorhergesehene Veränderungen zu begrüßen, die Welt mit neuen Augen und offenem Herzen zu betrachten, empfänglich zu sein für neue Informationen aus tiefen und geheimnisvollen Quellen, uns mit der Urangst anzufreunden und die unsichtbaren Bereiche unserer Wirklichkeit zu erkunden.

 

“wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne die Gnade
nicht leben können.”Hilde Domin

Der Weg der Prismen soll dazu dienen, Veränderungen leichter zu bewältigen, besser zu verstehen und mit mehr Sinn zu füllen. Zumal alle Veränderungen ‘unvorhergesehen’ sind — selbst wenn sie willkommen und angekündigt sind — bieten sie immer eine Gelegenheit zu einem ‘evolutionären Wachstumsspurt im Bewusstsein’.

Veränderung bringt eine neue Situation mit sich, wobei die Konstellation der ‘Unbeständigkeit’ umstrukturiert wird. Die Veränderung kann ungebeten und störend sein, sie mag erwartet oder sogar geplant sein. In jedem Falle ist eine Neuorientierung angesagt.

Jede Wachstumsperiode bietet eine Gelegenheit dazu, eine ‘evolviertere’ und ‘ganzheitlichere’ Wirklichkeit aufzuspüren als die vorangegangene. Und dies ist in den unsichtbaren Bereichen unserer Wirklichkeit bereits vorherbestimmt.

 

Überblick über den Weg der Prismen

Der Weg der Prismen eignet sich dazu, das Erleben einer VERÄNDERUNG als Heilimpuls zu nutzen. Das herrschende Bewusstseinsorgan ist der Intellekt, und der Prozess stimuliert die Entwicklung der Kohärenz.

Die sichtbaren und unsichtbaren Anteile unserer Wirklichkeit sind nicht voneinander getrennt. Wenn sich die äußeren sichtbaren Umstände ändern, dann muss sich auch unser innerer unsichtbarer Zustand wandeln und umgekehrt.
Die 3 Aspekte des Kohärenzgefühls, wie von Aaron Antonovsky definiert, sind in den ersten drei Schritten des Weges der Prismen vertreten, wenn auch in umgekehrter Form.

Vor Beginn des Weges der Prismen, nimm dir einen Moment Zeit zur Einschätzung deines gegenwärtigen Kohärenzgefühls in Bezug auf die Veränderung, mit der du konfrontiert bist. Bewerte dein ‘Kohärenzgefühl’ spontan auf einer Skala von 0 bis 10  (10 = am höchsten, 0 = am niedrigsten).

Beantworte die folgenden Fragen, indem du die passende Zahl bestimmst:

1 —  Wie gut verstehe ich diese Änderung?
0 — 1 — 2 — 3 — 4 — 5 — 6 — 7 — 8 — 9 — 10

2 — Wie gut kann ich diese Änderung bewältigen?
0 — 1 — 2 — 3 — 4 — 5 — 6 — 7 — 8 — 9 — 10

3 — Wie sinnvoll ist diese Änderung für mich?
0 — 1 — 2 — 3 — 4 — 5 — 6 — 7 — 8 — 9 — 10

 

1. Prisma — Intellekt — Konfusion

Wenn du mit einer Veränderung konfrontiert bist — ob erwünscht, erwartet oder ungebeten — betrittst du ein verwirrendes Gelände, denn Veränderung bedeutet immer einen Schritt ins Unbekannte. Du kannst die neue Situation nicht begreifen, viele neue Informationen über sichtbare und unsichtbare Aspekte deiner Wirklichkeit sind weder verarbeitet noch integriert.

Wende deine Aufmerksamkeit der Verwirrung zu und frage dich:

Was verwirrt mich?

2. Prisma — Leib — Überwältigung

Die Veränderung und Verwirrung über die neue Situation verursachen Verunsicherung. Wie wirst du die Situation bewältigen? Hast du die inneren und äußeren Ressourcen, um mit der Veränderung erfolgreich umzugehen? Stress und Zweifel können vorübergehend ein Gefühl der Überwältigung auslösen. Frage dich:

Wovon fühle ich mich überwältigt?

3. Prisma — Wille — Priorität

Das Erlebnis der Überwältigung weist auf einen Bereich hin, der besondere Aufmerksamkeit verlangt, entweder direkt oder indirekt. In einer Periode der Belastung durch neue Anforderungen musst du deine Aufmerksamkeit auf das richten, was dir im Moment am wichtigsten erscheint. Frage dich:

Was ist im Moment meine Priorität?

4. Prisma — Seele — Evolution

Beim 4. Schritt auf dem Weg der Prismen wende deine Aufmerksamkeit dem inneren Wandel zu, der stattfinden muss, damit du die äußeren Veränderungen gelassen bewältigen kannst. Stelle dir die folgenden beiden Fragen:

A — Wer möchte ich werden, um diese Veränderung leicht bewältigen zu können?

B — Wie werde ich das Leben erleben, wenn ich diese Evolution durchgemacht habe und daran gereift bin?

5. Prisma — Inspiration — Konzeption

Bei den ersten 4 Schritten auf dem Weg der Prismen erhältst du wichtige Informationen über dich selbst in Bezug auf dein Erlebnis der Veränderung. Aus deinen Antworten bei diesen Schritten kannst du die Quintessenz für dein nächstes ‘evolutionäres Stadium’ ableiten. Dies ist die ‘Keim-Information’ der neuen und ganzheitlicheren Wirklichkeit, in die du hineinwächst.

Fasse deine Konzeption von dir selbst in Bezug auf die Veränderung zusammen. Vervollständige die folgenden Aussagen durch 4 Schlüsselwörter basierend auf deinen vorangegangenen Antworten.

A — Bereich der Verwirrung: Ich bin verwirrt über………..

B — Thema der Überwältigung: Ich bin überwältigt durch …………..

C — Gegenwärtige Priorität: Meine Priorität ist …………

D — Evolution: Ich möchte  ………….. werden.

6. Prisma — Intuition — Disziplin

Mit dieser essentiellen Information kannst du nun die neue Konstellation deines Bewusstseins kultivieren und unterstützen, die in dir und deinem Leben Gestalt annehmen will. Die ‘neue Art des Seins’ befindet sich gegenwärtig im embryonalen Zustand. Sie hat sich dir aus der Dunkelheit deiner unsichtbaren Wirklichkeit zu erkennen gegeben. Um weiter wachsen zu können, braucht sie nun deine liebevolle Pflege und Aufmerksamkeit. Dazu sind Disziplin und Verbindlichkeit notwendig.

Zu welcher Disziplin kann ich mich verpflichten, um die neue Entwicklung meiner Wirklichkeit zu nähren und zu fördern?

7. Prisma — Imagination — Spiel

Disziplin hilft uns dabei, neue Gewohnheiten einzuführen. Sie gewährleistet, dass die neue Lebensform im Entwicklungsstadium die Aufmerksamkeit bekommt, die sie braucht, um Wurzeln zu schlagen und zu gedeihen. Gleichzeitig wissen wir, dass wir durch Spiel am besten lernen können.

Bei diesem Schritt auf dem Weg der Prismen bist du dazu aufgefordert kreativ zu werden. In der spielerischen Tätigkeit sind alle Aspekte von dir und deiner Wirklichkeit involviert, die sichtbaren und die unsichtbaren. Spiel ermöglicht dir, mit viel Begeisterung und relativ geringem Aufwand neue Fähigkeiten zu entwickeln. Beantworte die folgenden Fragen:

Wie kann ich die neue Information, die ich bekommen habe, spielerisch umsetzen?

Wie kann ich das ‘evolviertere Wesen’ spielen, das ich werden will?

Wie kann ich dieses Erlebnis spielerisch erweitern?

8. Prisma — Instinkt — Aufspüren
Jetzt überprüfe dein Kohärenzgefühl in Bezug auf deine Situation noch einmal. Beantworte dieselben Fragen wie am Anfang dieses Prozesses, indem du deiner Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit eine Zahl zuschreibst:

1 —  Wie gut verstehe ich diese Änderung?
0 — 1 — 2 — 3 — 4 — 5 — 6 — 7 — 8 — 9 — 10

2 — Wie gut kann ich diese Änderung bewältigen?
0 — 1 — 2 — 3 — 4 — 5 — 6 — 7 — 8 — 9 — 10

3 — Wie sinnvoll ist diese Änderung für mich?
0 — 1 — 2 — 3 — 4 — 5 — 6 — 7 — 8 — 9 — 10

Zum Schluss kannst du deine Ergebnisse vergleichen. Hier wirst du möglicherweise eine Verschiebung bemerken. Mit deinen Antworten kannst du die Spur deines Fortschritts verfolgen.

 

Veränderungen können erschreckend wirken, denn die Reise in die Innenwelt ist immer ein einsames Abenteuer. Du hast keine Ahnung, wohin dich dein Weg führen wird, und es gibt keinerlei Garantie für ein erwünschtes Ergebnis. Doch die Einzigartigkeit macht deine Reise so rar und kostbar.

Wenn du den Mut hast, die mächtigen Abgründe des Lebens zu betreten, und wenn du lernst, die Urangst in eine zuverlässige Verbündete zu verwandeln, dann wirst du Spuren von edlen Elementen in deinem inneren Wurzelwerk finden.

Vielleicht wirst du dich selbst überraschen und dich bereitwillig aufmachen, auf der Suche nach deiner Urquelle der Kraft, auf der Spur deines Evolutionspfads, ungeachtet aller Schwierigkeiten.

Die deutsche Dichterin Hilde Domin nannte diese innere Reise ’die schwersten Wege’. Hier ist ein Auszug aus ihrem Gedicht mit demselben Titel:

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.

Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird.
Stehenbleiben und sich Umdrehn
hilft nicht. Es muss
gegangen sein.

Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne die Gnade
nicht leben können.

(aus Hilde Domin, Die Schwersten Wege)

 

© Veronika Bond, 2017

Dies ist ein Entwurf des 25. Kapitels des Buches Der Horizont, Band 2 des Solosystems.

Zur Ergänzung gibt es einen e-Letter mit zusätzlichen Informationen zum Buch und dem kreativen Prozess, der dahintersteckt.

Wenn du unsere Updates in Zukunft nicht verpassen willst, melde dich jetzt an.

Anregungen für inneres Wachstum - der Freitagsbrief

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *