Der Weg der Masken

Veronika Bond Der Horizont

‘Der Horizont’, Teil 3, dreiundzwanzigstes Kapitel: über blinde Flecken als Heilimpulse, was die Biosophie aus der Geschichte der Unterdrückung lernen kann und ein Überblick über den Weg der Masken

 

“Mitunter sieht es so aus, als ob auch die Tiere und Pflanzen es ‘wüssten’.”Carl Gustav Jung

In seiner Autobiographie erzählt Carl Gustav Jung die Geschichte von einer Frau, die er nur ein Mal gesehen hat. Eines Tages kam sie in seine Praxis. Sie gab keinen Namen an und erwartete keinerlei Behandlung. Sie musste einfach jemandem ihre Geschichte erzählen.

Über zwei Jahrzehnte zuvor hatte diese Frau ihre beste Freundin vergiftet, weil sie deren Mann heiraten wollte. Der Mord wurde nie aufgedeckt, und sie heiratete den Witwer ihrer Freundin.

Die Ehe stand unter einem dunklen Stern und war nur kurzlebig. Der Ehemann starb bereits relativ jung. Die Tochter aus dieser Ehe zog aus, sobald sie erwachsen war, heiratete früh und zog sich von der Mutter zurück, bis keinerlei Kontakt mehr bestand.

C.G. Jung erinnert sich: “Die Frau war eine leidenschaftliche Reiterin und besaß mehrere Reitpferde, die ihr Interesse in Anspruch nahmen. Eines Tages entdeckte sie, dass die Pferde anfingen, unter ihr nervös zu werden. Sogar ihr Lieblingspferd scheute und warf sie ab. Schließlich musste sie das Reiten aufgeben. Sie hielt sich nunmehr an ihre Hunde. Sie besaß einen besonders schönen Wolfshund, an dem sie sehr hing. Der ‘Zufall’ wollte es, dass gerade dieser Hund von einer Lähmung befallen wurde. Da war das Maß voll, und sie fühlte sich ‘moralisch erledigt’. Sie musste beichten, und zu diesem Zweck kam sie zu mir.”

In unserem gegenwärtigen Weltbild haben wir die Erkenntnis entwickelt, dass Menschen die Macht haben, sich ihre eigene Welt zu erschaffen. Doch es ist nicht ganz klar, was das eigentlich bedeutet.

Wir haben mit wesentlichen Aspekten von uns selbst den Kontakt verloren. Wir haben uns von der Natur und unserer eigenen Quelle abgeschnitten. Darum führt das menschliche ‘Schöpfungswerk’ oft zu einem destruktiven und tragischen Ergebnis.

C.G. Jung schließt seinen Bericht mit der Bemerkung: “Sie war eine Mörderin, aber darüber hinaus hatte sie sich auch selbst gemordet. Denn wer ein solches Verbrechen begeht, zerstört seine Seele. Wer mordet, ist schon selbst gerichtet…. Hat er es im Geheimen getan, ohne moralische Bewusstheit, und bleibt unentdeckt, … Es kommt doch an den Tag. Mitunter sieht es so aus, als ob auch die Tiere und Pflanzen es ‘wüssten’.”

 

“Männlicher Vorherrschaft und männlicher Dominanz wird die Macht von Naturgesetzen zugesprochen.”Gerda Lerner

Die Frau in C.G. Jungs Memoiren konnte ihr Verbrechen nur deshalb begehen, weil wesentliche Teile ihres Bewusstseins schonungslos unterdrückt waren. Ihr Erkenntnisvermögen war von Mitgefühl und moralischem Gewissen abgeschnitten.

Nachdem sie den Mord begangen hatte, musste sie in der Lage sein, ihn vor sich selbst zu rechtfertigen. Sie musste alle Schuldgefühle erfolgreich verdrängen können, um in einer gewissen ‘normalen’ Beziehung mit Ehemann und Tochter zu leben.

Eine derartig brutale Trennung vom eigenen gesunden menschlichen Instinkt ist schwer nachzuvollziehen. Vor dem Hintergrund unserer kulturellen Geschichte der Unterdrückung wird sie vielleicht eher einleuchten.

Wir wissen, dass Menschen ihre Mitmenschen über Jahrtausende hinweg unterdrückt haben. Womöglich erscheint uns das sogar als ‘normal’.

Wir haben einander als Sklaven gebraucht und missbraucht, wir haben Außenseiter und Minderheiten diskriminiert, Feinde überwältigt, Kriegsgefangene genommen und sie schlimmer behandelt als Vieh.

Die größte unterdrückte Gruppe von Menschen seit dem Aufstieg des Patriarchats sind Frauen. Diskriminierung, Unterdrückung und Versklavung von Frauen ist seit über 3000 Jahren an der Tagesordnung.

Aristoteles (384–322 v. Chr.) — einer der einflussreichsten Philosophen — bekräftigte das patriarchalische Geschlechterkonzept der ‘Minderwertigkeit der Frau’. Er beruft sich dabei auf eine angebliche ‘natürliche Ordnung,’ welche vorschreibt dass “rationales Denken über die Emotionen herrscht; Menschen über Tiere; und das männliche Geschlecht über das weibliche.”

In ihrem Werk über Frauen und Geschichte erläutert die Historikerin Gerda Lerner, wie die Geschlechter als Metapher dazu benutzt wurden, “das Männliche als Norm und das Weibliche als abartig zu konstruieren; den Mann als vollkommen und mächtig; die Frau als unfertig, körperlich verstümmelt und emotional abhängig.”

Die ‘Minderwertigkeit der Frau’ ist selbst heute noch in unserem Bewusstsein ‘als Tatsache’ eingebettet. Es ist unser Bezugsrahmen, und wir definieren uns ständig in seinen Grenzen.

Gerda Lerner teilt folgende Entdeckung mit: “Aristoteles großartiges und gewagtes Erklärungssystem, welches den Großteil des Wissens der damaligen Gesellschaft beinhaltete und überstieg, baute das patriarchalische Geschlechterkonzept der Minderwertigkeit der Frauen auf solche Weise ein, dass es unbestreitbar, ja sogar unsichtbar war.”

Auf der Grundlage der Gedanken von Aristoteles werden andere Themen seit Jahrhunderten diskutiert, mit einer Ausnahme: “Männliche Vorherrschaft und männliche Dominanz sind hier die Grundlagen des philosophischen Denkens, und ihnen wird somit die Macht von Naturgesetzen zugesprochen.”

 

“Mutter Erde hat ein dunkles Gesicht.”Simone de Beauvoir

Gerda Lerner meint, die Unsichtbarkeit der weiblichen Unterdrückung — verborgen hinter einer Maske ‘natürlicher Ordnung’ — mache es für Frauen so schwierig, sich von der Tyrannei der männlichen Vorherrschaft zu befreien.

Dies bestätigt, was wir in Kapitel 22 gelernt haben: Die größten und hartnäckigsten Tabus sind unsichtbar; und was unsichtbar ist, lässt sich nicht ändern. Es lebt in der Dunkelseite des menschlichen Bewusstseins.

Die französische Philosophin Simone de Beauvoir sieht den ‘Mythos der Frau’ als ‘Projektion der Hoffnungen und Ängste des Mannes’. “Die Frau ist sowohl Eva als auch die Jungfrau Maria.”, schreibt sie. “Sie ist ein Idol, eine Dienerin, Lebensquelle, dunkle Macht; … sie ist sein Untergang, sie ist alles, was er nicht ist und haben will.”

Simone de Beauvoir beschreibt das ‘andere Geschlecht’ als Verbündete und Feindin des Mannes. Das Weibliche wird mit der Natur gleichgesetzt, und gegenüber beiden hat der Mensch zwiespältige Gefühle entwickelt.

“Somit hat Mutter Erde ein dunkles Gesicht: sie ist Chaos, aus dem alles kommt und zu dem es eines Tages zurückkehren muss; sie ist das Nichts.”

Es ist die dunkle Seite unserer eigenen Natur, vor der wir Angst haben. Jahrtausendelang ist das ‘dunkle Chaos’ mit dem weiblichen Prinzip assoziiert und auf Frauen projiziert worden.

Die Unterdrückung der ‘weiblichen Untergattung’ unserer eigenen Rasse betrifft nicht nur sozialen Status, politische Rechte, Zugang zu Ausbildungsstätten, finanzielle Entlohnung usw. — d.h. die Verdrängung des Weiblichen ist nicht auf äußere Aspekte des Lebens beschränkt. Wir diskriminieren auch die weiblichen Organe unseres Bewusstseins.

Aristoteles behauptete ‘rationales Denken herrscht über Emotionen’. 2500 Jahre später taucht die Frage, ob oder warum der Intellekt dem Instinkt ‘übergeordnet’ sein soll nicht einmal am Horizont unserer Wahrnehmung auf. Somit bleibt die ‘Vorherrschaft des männlichen Intellekts’ die akzeptierte Norm.

Wir merken nicht einmal, wie tief derartige Ideen — als Tatsachen getarnt — unser tägliches Erleben prägen. Wir können noch nicht ganz fassen, wie stark sich unsere persönliche Beziehung zu Anteilen von uns selbst in unserer Koexistenz mit anderen Menschen und der gesamten Außenwelt niederschlagen.

Der menschliche Geist hängt wie gebannt an Theorien von ‘natürlichen Hierarchien’ fest, die nach Dominanz und Vorherrschaft verlangen, während Mutter Natur uns zeigt, dass lebende Organismen auf der Grundlage von Zusammenarbeit und Synergie viel besser überleben und gedeihen.

Nur wenige seltene Beispiele werfen einen Hoffnungsschimmer in das düstere Bild der Menschheit. In ihrem Buch Die Entstehung des feministischen Bewusstseins berichtet Gerda Lerner von ‘aufgeklärten Paaren’, die in Europa im 15. Jahrhundert “eine neue Art von Ehe führten, in der die Frau nicht mehr für ihren Mann die Kerze hält, sondern wo sie an seiner Seite im Kerzenlicht schreibt oder studiert.”

 

“Mentale Sklaverei ist viel finsterer als körperliche Sklaverei, denn die Ketten sind unsichtbar und werden über Generationen hinweg übertragen.”MK Asante

Trotz aller Fortschritte in Politik, Erziehungswesen, beruflichen Errungenschaften und sozialer Stellung werden gewisse ‘weibliche Aspekte der menschlichen Natur’ weiterhin mit großem Misstrauen betrachtet.

Der ‘dunkle Kontinent’ unserer Innenwelt wird gern vermieden. Wir hoffen, dass dunkle Themen verschwinden, wenn wir sie ignorieren oder hinter einer angenehmen Fassade verstecken.

In der Psychologie werden die verdrängten dunklen Aspekte auch als ‘Schatten’ bezeichnet. C.G. Jung bietet die folgende Definition an:

“Der Schatten ist jene verhüllte, verdrängte, meist minderwertige und schuldhafte Persönlichkeit, welche mit ihren letzten Ausläufern bis ins Reich der tierischen Ahnen hinaufreicht und so den ganzen historischen Aspekt des Unbewussten umfasst.”

Die Populär-Psychologie legt nahe, dass wir uns ‘von unseren Schatten befreien’ können und sollten. Das ist leichter gesagt als getan.

Stell dir vor, du bist zeitlebens unterdrückt und wie ein Sklave behandelt worden. Nehmen wir einmal an, du entstammst einem alten Sklavengeschlecht, und ganz plötzlich wird dir die Freiheit geschenkt.

Als die Sklaverei offiziell abgeschafft wurde, bekamen die Sklavenbesitzer Geld zur Entschädigung für den Verlust ihres ‘Besitzes’. Doch was geschah mit den unterdrückten Menschen?

In seinem Buch Sick from Freedom (Krank durch Freiheit) beschreibt der Historiker Jim Downs wie Tausende von befreiten Sklaven bald nach ihrer ‘Befreiung’ starben. Sie hatten nichts, gar nichts, keine angemessene Kleidung, kein Essen, keine Arbeit, keine Unterstützung, nirgends wo sie hinkonnten.

Befreite Sklaven waren weder mental noch körperlich auf ein neues Leben in Freiheit vorbereitet. Nach der Freilassung aus dem Käfig hatten sie keinerlei Mittel, um in der Wildnis zu überleben.

Ungelöste traumatische Erlebnisse werden von den Eltern an die Kinder weitergegeben, wie wir  in Kapitel 12 gelernt haben. Darum treten die Nachwirkungen von Sklaverei und Unterdrückung auch nach Generationen immer wieder zutage. Die Proklamation der ‘Emanzipation’ spielt also nur eine kleine Rolle im Übergang vom Milieu der Unterdrückung in eine freie Welt.

“Mentale Sklaverei ist viel finsterer als körperliche Sklaverei, denn die Ketten sind unsichtbar und werden über Generationen hinweg übertragen.”, heißt es in dem Dokumentarfilm  500 Years Later (500 Jahre später), von MK Asante (Drehbuch) und Alik Shahada (Regie).

“Mentale Sklaverei ist ein Bewusstseinszustand, wobei das Unterscheidungsvermögen zwischen Befreiung und Sklaverei verdreht ist. Mentale Sklaverei wirkt sich darauf aus, wie Menschen die eigene Realität sehen.”

Erst heute werden amerikanischen Nachkommen afrikanischer Sklaven allmählich die Auswirkungen der Unterdrückung bewusst, die sie von ihren Vorfahren geerbt haben, und oft stoßen sie auf Verständnislosigkeit.

Warum können sie nicht ‘vergessen und vergeben’ und in die Zukunft schauen?

Weil mentale Sklaverei im menschlichen Bewusstsein solange aktiv bleibt, bis sich Geist und Herz nicht länger unterdrückt fühlen.

“Die Wurzel der mentalen Sklaverei ist Unwissenheit. Es fehlt die Fähigkeit, Informationen über sich selbst und die Welt erfassen zu können, und das braucht man, um das eigene menschliche Potential zu erfüllen.”, schreibt MK Asante.

 

“Bis die Löwen zu Wort kommen, wird die Geschichte der Jagd immer den Jäger verherrlichen.”Afrikanisches Sprichwort

Warum können viele Frauen ‘es nicht lassen’ über Feminismus zu reden? Warum fordern sie sogar männliche Unterstützung? Haben sie immer noch nicht genug ‘gleiche Rechte’?

Warum fällt es vielen von uns — schwarz, weiß, weiblich, männlich — so außerordentlich schwer, unsere Schatten aufzudecken und uns von unserer gestörten Vergangenheit zu befreien?

Es reicht offenbar nicht, wenn einem gesagt wird: ‘mit der Unterordnung ist es vorbei, jetzt bist du frei, du kannst tun und lassen, was du willst’.

Die Unterdrückten hatten noch keine Gelegenheit, eigene Fähigkeiten und Wissen zu entwickeln, ganz zu schweigen von einem authentischen Identitätsgefühl.

Vielleicht besteht für die Unterdrückten die Idee der Freiheit nicht darin, sich in eine männlich dominierte Machtstruktur einzufügen und eine dekadente patriarchalische Zivilisation zu unterstützen, die am Rand der Selbstzerstörung entlangtaumelt.

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: “Bis die Löwen zu Wort kommen, wird die Geschichte der Jagd immer den Jäger verherrlichen.”

Trotz aller scheinbaren äußeren Änderungen in unserer Gesellschaft verherrlichen wir weiterhin die Geschichte des Jägers: Lohnsklaverei ist für viele eine gnadenlose Realität, und die Unterdrückung des inneren Weiblichen ist für die meisten unsichtbar.

Unverarbeitete negative Erlebnisse bleiben im menschlichen Bewusstsein und werden Teil davon. Sie werden von einer Generation an die nächste weitergegeben, als handle es sich um ‘genetische Merkmale’.

Schmerzhafte innere Erlebnisse werden in Form von weiteren negativen Erlebnissen nach außen projiziert, und so setzt sich der Teufelskreis fort.

Wenn der äußere Ausdruck andere Personen einbezieht, dann sprechen Psychologen von ‘Projektionen’. In diesem Sinne zeigt die tragische Geschichte zu Beginn dieses Kapitels die ‘Projektionen’ einer Frau, die einen Teil von sich selbst getötet hatte, von ihrer eigenen Quelle getrennt war, nervös auf das Leben reagierte, das nun auf ihr lastete, und schließlich durch ihre eigenen Handlungen gelähmt war.

Die Begriffe ‘Schatten’ und ‘Projektion’ verleihen den negativen Erlebnissen und menschlichen Tragödien eine beinahe harmlose und leblose Qualität. Die Worte könnten den Eindruck vermitteln, als handle es sich um äußere Phänomene, die sich relativ leicht beherrschen lassen.

Doch wir wissen, dass ‘Schatten-Projektions-Phänomene’ primär innere Ereignisse sind. Sie haben einen ausgesprochen starken Einfluss auf unser Leben, ausgehend vom Innern unseres Bewusstseins.

Sie sind sehr lebendig. Sie gestalten unser Erleben tagtäglich. Sie können unser Schicksal bestimmen, und sie können uns überleben!

Jetzt wollen wir uns diese ‘Schatten-Projektions-Phänomene’ einmal als unterdrückte Lebewesen vorstellen, die in unserer Innenwelt leben. Viele von ihnen sind ‘weiblich’, d.h. nicht-rational, unberechenbar, sehr empfindlich, scheinbar schwach, fruchtbar und produktiv.

Andere sehen dunkel, gefährlich und fremd aus. Wir können uns mit ihnen nicht identifizieren. Wir wollen nicht gern mit ihnen assoziiert werden. Wir versuchen, den Kontakt mit solchen ‘niederen Lebensformen’ zu vermeiden und halten uns dadurch — paradoxerweise — gegenseitig in Leibeigenschaft.

Viele dieser dunklen und weiblichen inneren Geschöpfe gelten, soweit unser Erinnerungsvermögen zurückreicht, als ‘minderwertige Aspekte unseres Bewusstseins’. Sie gehören zu unserem menschlichen ‘Minderwertigkeitskomplex’.

Jetzt entschließt du dich, sie freizulassen. Ein Teil von dir würde sie gern loswerden, doch du weißt, dass dies nicht möglich ist. Integration ist die einzige Lösung. Integration führt zu Integrität und echter Freiheit.

Doch was bedeutet das?

Wenn du unterdrückte Anteile von dir selbst aus der inneren Dunkelheit freilässt, dann stellen sie deine gegenwärtige innere Weltordnung infrage.

Allein im ‘wilden Jenseits’ können sie nicht überleben. Sie wollen ihren Platz in der Lichtseite deines Bewusstseins einnehmen und dort ihren Beitrag leisten. Doch damit dies gelingt, brauchen sie deine Unterstützung, Fürsorge und Schutz.

Sie müssen ihre Geschichte erzählen dürfen. Sie müssen gehört werden und brauchen deine Anerkennung, damit sie sich zu den schönen und starken Lebensformen entwickeln können, die in ihnen stecken.

Es fällt uns nicht leicht, diese Forderungen zu erfüllen, denn instinktiv empfinden wir uns selbst als Opfer unserer unterdrückten Anteile.

Genau wie die Sklavenhalter vor 200 Jahren würden wir gern eine Entschädigung dafür verlangen, dass wir so ‘großzügig’ sind, unseren inneren unterdrückten Wesen die Freiheit schenken zu wollen…

Der erste Schritt zur wahren Befreiung besteht daher in der Erkenntnis, dass Unterdrücker und Unterdrückte in einer Art symbiotischer Beziehung untrennbar miteinander verbunden sind. Freiheit kann nur dann erreicht werden, wenn beide einander unterstützen, wenn sie eine neue Form des Zusammenlebens finden, die beide als wohltuend und vorteilhaft empfinden.

 

“Krieg ist nicht unvermeidlich. Das einzige Unvermeidliche im Universum ist Wandel.”Susan Griffin

Der Weg der Masken ist für den Umgang mit sogenannten blinden Flecken bestimmt. Er wird von der Imagination beherrscht und fördert die Selbstdarstellung.

Ungelöste negative Erlebnisse werden zur fruchtbaren Quelle für anhaltende innere Kämpfe, und unsere blinden Flecken hindern uns daran zu sehen, welche Rolle wir selbst in unseren inneren Kriegsszenen spielen. Solche inneren Konflikte werden nach außen projiziert, z.B. in Meinungsverschiedenheiten mit anderen Menschen.

Manchmal reagieren wir auf das Verhalten anderer ohne ersichtlichen Grund gereizt. Manchmal meinen wir, sehr gute Gründe dafür zu haben, dass wir uns über etwas aufregen, das ein anderer Mensch getan oder gesagt hat. In beiden Fällen können wir ziemlich sicher sein, dass einer unserer blinden Flecken aktiviert worden ist.

Der Weg der Masken eignet sich für negative Erlebnisse, bei denen wir mit einer anderen Person aneinandergeraten. Es ist eine nützliche Übung für Partner in einer intimen Beziehung, denn enge Begegnungen mit anderen Menschen bringen uns immer auch den eigenen ungelösten Themen näher.

Überblick über den Weg der Masken

Der Weg der Masken soll dir dabei helfen, einen BLINDEN FLECKEN aufzudecken, einen unterdrückten Anteil von dir zu enthüllen und dein Bewusstseinsmuster zu verändern.

Deine blinden Flecken stellen ein ernsthaftes Hindernis für inneres Wachstum dar. Sie sind für dich unsichtbar, denn sie befinden sich in deinem ’Schatten’, doch sie lassen sich durch deine ‘Projektionen’ aufdecken.

Wenn du das Gefühl hast, jemand habe dir Unrecht getan — d.h. wenn jemand etwas gesagt oder getan hat, das dir wehtut, und du hast eine emotionale Reaktion darauf, dann kann dieser Prozess dir helfen, deinen eigenen unterdrückten inneren Aspekt zu entdecken, mit dem du den unangenehmen Zwischenfall gewissermaßen ‘angezogen’ hast.

Natürlich verhalten sich andere Menschen manchmal unangemessen. Diese Tatsache wird hiermit nicht infrage gestellt. Interessant ist für dich, ob deren Verhalten bei dir einen blinden Fleck aktiviert, und das kannst du aus deiner emotionalen Reaktion unmissverständlich ablesen.

Auf diesem Weg kannst du einen blinden Flecken aufdecken, einen unterdrückten Teil von dir selbst aufspüren, der sozusagen in ‘Leibeigenschaft’ lebt, diesen freisetzen und seine Integration in dein Weltbild fördern.

Bevor du den Weg der Masken betrittst, erinnere dich daran, dass dieser Zyklus von der Imagination beherrscht ist. In der Sphäre deiner Phantasie ist es normal zu simulieren und verschiedene Rollen zu spielen.

Übertreibung kann auch manchmal helfen, um herauszufinden, was sich in der Innenwelt abspielt. Dies ist eine Einladung, deine innere Bühne zu betreten, eine Szene aus dem ‘Trauerspiel deines Lebens’ zu spielen und diese umzuwandeln.

1. Maske — Imagination — Trauerspiel

Eine emotionale Aufwallung macht dich darauf aufmerksam, dass einer deiner blinden Flecken aktiviert worden ist. Du hast eine emotionale Reaktion auf etwas, das jemand getan oder gesagt hat — oder die bloße Gegenwart eines bestimmten Menschen löst eine solche Gefühlswelle aus. Dies ist eine Gelegenheit einen unterdrückten Teil von dir zu enthüllen und freizusetzen und deinen inneren Wachstumsprozess zu fördern.

Du bist aufgebracht, entweder weil der andere Mensch dir einen Schmerz zugefügt hat, oder weil es sich anfühlt als ob dir etwas Schlimmes zugefügt worden ist.

Beschreibe die tragische Szene.

Was ist in dieser Szene im ‘Trauerspiel deines Lebens’ passiert?

2. Maske — Instinkt — Verletzung

Der Zwischenfall macht dich auf eine emotionale Empfindlichkeit aufmerksam, und du fühlst dich verletzt. Du hast das Gefühl, als sei dir ein emotionaler Schmerz zugefügt worden.

Beschreibe die Verletzung.

Was geschieht mit mir? Wo und auf welche Weise fühle ich mich verletzt?

3. Maske — Intellekt — Verdacht

Dein ‘rationaler’ Intellekt befasst sich sofort mit einer Einschätzung der Situation und hat einen Verdacht. Es ist bloß eine Theorie, eine Mutmaßung, doch du empfindest und siehst es als die ‘absolute Wahrheit’.

Formuliere deinen Verdacht.

Was tut dieser Mensch mir an?

4. Maske — Leib — Vorgeschichte

Jetzt wirf einen Blick zurück in deine Lebensgeschichte. Höchstwahrscheinlich hast du etwas Ähnliches bereits irgendwo erlebt. Stelle dir die folgende Frage:

Wo habe ich das vorher schon erlebt?

5. Maske — Wille — Zugeständnis

Beim 5. Schritt auf dem Weg der Masken wirst du ermutigt, deinen Blick nach innen zu wenden. Hier hast du die Gelegenheit, den eigentlichen blinden Flecken zu entdecken. Das folgende Zugeständnis ermöglicht dir, die Tür zu einem unterdrückten Teil von dir zu öffnen, der dir bis dahin verborgen geblieben ist. Beantworte die folgende Frage:

Auf welche Weise tue ich mir das selbst an?

6. Maske — Seele — Versöhnung

Dein Eingeständnis hat einen Aspekt von dir selbst enthüllt, der seit langem unterdrückt war. Jetzt hat dieses ‘unterdrückte innere Geschöpf’ eine Gelegenheit ihre/seine Seite der Geschichte zu erzählen. Gleichzeitig muss der ‘innere Unterdrücker’ in dir diese Geschichte hören und seine Rolle in diesem ‘Trauerspiel’ annehmen.

Berufe einen inneren ‘Kreis der Heilung’ ein und lass den unterdrückten Aspekt von dir seine/ihre Geschichte erzählen.

Höre deinem unterdrückten Aspekt aufmerksam zu und gib ihm deine Anerkennung. Entwickle Verständnis für den Wesenskern dieser unterdrückten Tätigkeit. Du musst begreifen, was er eigentlich will. Bemühe dich darum, ihn ohne Vorurteile zu sehen.

7. Maske — Inspiration — Natürlicher Lebensraum

Wie alle Wege der Verantwortung ist der Weg der Masken ein tiefgreifender Prozess der Wandlung. Was wir als negativ bzw. positiv einschätzen, hängt immer vom Zusammenhang ab. Darum kann eine negative und destruktive Handlung im richtigen Umfeld positiv und konstruktiv werden. Dieses ‘richtige Umfeld’ nennen wir hier den natürlichen Lebensraum.

Die 7. Etappe auf diesem Weg ist eine Anregung zur Identifizierung des natürlichen Lebensraums deines unterdrückten Anteils. Dies ist eine Umgebung, in der das zuvor destruktive und unangemessene Verhalten konstruktiv wird.

In welcher Situation oder Umgebung wäre diese Handlung angemessen, konstruktiv und sogar wünschenswert?

8. Maske — Intuition — Symbiose

Der letzte Schritt auf dem Weg der Masken ist eine Einladung, eine bewusste Symbiose zwischen deinem unterdrückten Anteil und dem ehemaligen ‘Unterdrücker’ einzugehen. Das Wort Symbiose bedeutet wörtlich zusammenleben. Fruchtbares Zusammenleben findet statt, wenn man sich umeinander kümmert, einander nährt und unterstützt, wenn beiden Partnern das Wohlergehen des anderen am Herzen liegt.

Wie kann ich meinen bisher unterdrückten Anteil in seinem neuen Lebensraum fördern?

Finde heraus, auf welche Weise der zuvor unterdrückte Anteil für den ehemaligen Unterdrücker eine echte Stärke werden kann und umgekehrt.

 

Jedes System, das auf Herrschaft und Unterdrückung beruht hat eine eingebaute Störzone. Weder die unterdrückende noch die unterdrückte Partei kann ihr volles Potential entfalten. Beide verlieren viel kostbare Energie damit, dass sie einander unter Kontrolle halten.

Die hierarchische Anordnung erzeugt langfristig eine unwirksame und anfällige Struktur. Dies ist die gegenwärtige Situation des menschlichen Organismus, individuell wie kollektiv.

Viele Schriftsteller_innen, Philosoph_innen und Mystiker_innen haben darauf hingewiesen, dass die Menschheit in einem existentiellen selbstgebauten Gefängnis lebt. Das bedeutet, die Befreiung aus unserer mentalen Haft muss von innen kommen.

In ihrem poetischen Essay The Mind can Be a Prison or a Door (Der Geist kann ein Gefängnis sein oder eine Tür) schreibt die Philosophin Susan Griffin:

Krieg beginnt im Geist, nicht im Leib.
Kriegsführung ist kein primäres Bedürfnis des Körpers.…
Krieg entsteht aus unbegründeten Ideen und verzerrten Wahrnehmungen unterstützt durch Lügen und Schweigen.…
Krieg ist nicht unvermeidlich. Das einzige Unvermeidliche im Universum ist Wandel.

Der Weg der Masken kann uns helfen, innere Kriege zu beenden. Aus unserer Geschichte können wir lernen, dass Unterdrücker und Unterdrückte Feinde bleiben, solange sie einander nicht zuhören.

Solange sie Rache und Entschädigung fordern — und sich an bestehende Machtstrukturen klammern — können sie sogar ihre Rollen tauschen. So tragen beide zur Fortsetzung des Trauerspiels der Menschheit bei.

Wenn du dich dazu entschließt, die Tür deines Geistes zu öffnen, mit der Absicht unsichtbare Verletzungen aufzudecken und uraltes Leiden zu heilen, dann müssen beide Parteien verwandelt werden — Unterdrücker und Unterdrückte.

 

 

© Veronika Bond, 2017

Dieser Artikel ist ein Entwurf des 23. Kapitels des Buches Der Horizont, Band 2 des Solosystems.

Zur Ergänzung gibt es einen e-Letter mit zusätzlichen Informationen zum Buch und dem kreativen Prozess, der dahintersteckt.

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