Der Weg der Flammen

Veronika Bond Der Horizont Leave a Comment

‘Der Horizont’, Teil 3, vierundzwanzigstes Kapitel: über Verlust als Heilimpuls, was die Biosophie von der dunklen Nacht der Seele lernen kann und ein Überblick über den Weg der Flammen

 

“Es herrscht eine solche Dunkelheit, dass ich wirklich nichts sehen kann – weder mit meinem Geist noch mit meinem Verstand.”Mutter Teresa

Drei Jahre nachdem sie den Ruf erhalten hatte, in den Armenvierteln von Kalkutta zu leben und zu arbeiten, verlor Mutter Teresa ihre Verbindung zu Gott — jedenfalls kam es ihr so vor. Im Alter von 12 Jahren hatte es sie bereits zum religiösen Leben hingezogen, und mit 18 Jahren war sie der Berufung zur Nonne gefolgt.

Unterhaltungen mit Jesus und Gott erschienen ihr so normal, als wenn gewöhnliche Menschen mit engen Freunden sprechen. Dann war es damit plötzlich vorbei.

In einem Brief an ihren Beichtvater schreibt sie: “Seit den Jahren 49 oder 50 dieses furchtbare Gefühl der Verlorenheit – diese unbeschreibliche Dunkelheit – diese Einsamkeit – diese beständige Sehnsucht nach Gott – die in meinem Herzen diesen tiefen Schmerz verursacht. – Es herrscht eine solche Dunkelheit, dass ich wirklich nichts sehen kann – weder mit meinem Geist noch mit meinem Verstand. – Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer – In mir ist kein Gott. – Der Schmerz des Verlangens ist so groß – Ich sehne und sehne mich nur nach Gott – und dann fühle ich noch dies – Er will mich nicht – Er ist nicht da.”

Mutter Teresa fühlte sich von Gott abgewiesen, als ob er sie nicht mehr liebte. Die ‘Heilige von Kalkutta’ trug dieses verwirrende Erlebnis in sich, während sie unermüdlich ihr wohltätiges Werk für die Ärmsten der Armen tat. 7 Jahre lang erduldete sie die innere Dunkelheit, ohne mit irgendjemandem darüber zu sprechen, in der Hoffnung, es sei eine vorübergehende Phase.

Mutter Teresas ‘dunkle Nacht der Seele’ hielt für den Rest ihres Lebens an. Ihr Erleben jedoch änderte sich. Sie lernte die Dunkelheit zu lieben.

Allmählich begann sie zu verstehen, dass dies zu ihrem eigenen Lernprozess gehörte und ihr dabei half, ihre Arbeit zu tun. Es motivierte sie dazu, ihr Leben noch vollkommener an Gott zu übergeben. In einem anderen Brief schreibt sie:

“Gott kann nicht füllen, was schon voll ist. – Er kann nur füllen, was leer ist… Es geht nicht darum, wie viel wir wirklich zu geben ‘haben’ – sondern darum, wie leer wir sind – so dass wir in unserem Leben vollauf empfangen können und Ihn Sein Leben in uns leben lassen. …. Wenden Sie ihren Blick von sich selbst weg und freuen Sie sich daran, dass Sie nichts haben – dass Sie nichts sind – dass Sie nichts tun können.”

 

“Trauer tritt auf tieferer Ebene in unser Leben, tiefer als wir uns je vorgestellt haben.”Elisabeth Kübler-Ross & David Kessler

Mit dem Verlust und der dunklen Seite der menschlichen Existenz war auch Elisabeth Kübler-Ross eng vertraut. Nachdem sie mit Tausenden von Menschen gearbeitet hatte, die an der Schwelle des Todes waren, entwickelte die Schweizer Ärztin ihr Modell der ‘5 Sterbephasen’: Leugnen — Zorn — Verhandeln — Depression — Zustimmung.

In ihrem letzten Buch — Dem Leben neu vertrauen — erklären Elisabeth Kübler-Ross und ihr Mitautor David Kessler die 5 Stadien des Verlustes folgendermaßen:

1 — Der Prozess des Verlustes beginnt mit einem Schock, der das Erlebnis der Isolation einleitet. Unsere erste Reaktion ist, dass wir es nicht wahrhaben wollen und so tun, als ob es nicht passiert. Die plötzliche radikale Veränderung ist zu überwältigend, und die Verleugnung gibt die Möglichkeit, sich an die neue Situation anzupassen.

2 — In der zweiten Phase kommt ein Schwall starker Emotionen auf, wie Wut, Hilflosigkeit, Angst, Schuldgefühle, Verzweiflung usw. All diese starken Gefühle sind hier unter dem Begriff ‘Zorn’ zusammengefasst.

3 — Die Welle der Emotionen schwemmt den Erlebenden an die Ufer der gegenwärtigen Realität. In diesem Stadium versucht man vielleicht ‘mit Gott zu verhandeln’. Man verspricht ‘alles zu tun’, um das Verlorene zu bewahren. “Wir verlieren uns in einem Irrgarten von ‘hätte ich nur . . .’ oder ‘Was wäre wenn . . .’ Aussagen. Wir wollen, dass das Leben wieder zu dem wird, was es war.”

4 — Die vierte Stufe kommt dem eigentlichen Trauern am nächsten. “Gefühle der Leere kommen auf, und Trauer tritt auf einer tieferen Eben in unser Leben, tiefer als wir uns je vorgestellt haben. Diese depressive Phase fühlt sich an, als würde sie für immer anhalten.”

Die Autoren betonen, dass ‘Depression’ in diesem Zusammenhang nicht als Zeichen einer psychische Krankheit zu werten ist, sondern als normale und gesunde Reaktion auf einen schweren Verlust.

5 — Das 5. Stadium heißt Zustimmung, ein Begriff der leicht missverstanden wird. TrauerberaterInnen begegnen Menschen, die sich nie von dem schmerzhaften Verlust eines geliebten Menschen erholen.

Sie können nicht akzeptieren, was geschehen ist. Sie sind unfähig oder nicht gewillt, sich an ein neues Leben anzupassen. ‘Zustimmung’ empfinden sie vielleicht als Verrat an dem geliebten Menschen.

Wenn das eigene Leben endet, dann nehmen wir womöglich an, dass die Endgültigkeit des Todes früher oder später akzeptiert werden muss. Doch auch das ist nicht unbedingt der Fall.

Durch unzählige Gespräche mit Menschen, die Nahtod-Erlebnisse hatten, wusste Elisabeth Kübler-Ross, dass das Erleben des Todes ebenso einzigartig ist wie das Erleben des Lebens. Doch sie beobachtete einige gemeinsame Merkmale.

Eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten ist, dass das menschliche Bewusstsein sich nicht ‘in Nichts auflöst’, wenn der Körper stirbt. Der Tod ist nicht ‘das Ende’, sondern ein Übergang in eine andere Lebensform.

Heißt das, dass wir die Bewältigung unserer Verluste — falls wir im Diesseits nicht damit fertig werden — mit uns ins Jenseits tragen?

 

“Je mehr wir weinen, umso weniger muss er es tun.”Chinesischer Trauernder

George Bonanno, ein amerikanischer Psychologieprofessor, wollte wissen, wie Menschen ihre Trauer bewältigen. In seinem Buch The Other Side of Sadness (die andere Seite der Traurigkeit) beschreibt er, wie Menschen in China mit dem Tod eines Familienmitglieds umgehen.

In dem sie ein traditionelles Trauerritual befolgen, helfen die Chinesen “dem verstorbenen nahestehenden Menschen, erfolgreich den Übergang in das Land der Toten zu machen und dort ein gutes Leben zu führen.”

Die chinesischen Hinterbliebenen weinen ebenfalls bei einem Begräbnis, doch Sinn und Zweck der östlichen Tränen unterscheiden sich stark von den westlichen Tränen.

Zu dem Ritual gehört es, dass die Verwandten des Verstorbenen den 7. Tag der Trauerzeit mit ‘ungezügeltem Wehklagen’ verbringen müssen, schreibt George Bonanno, denn an dem Tag merkt der Verstorbene, dass er gestorben ist.

Ein Mitglied einer chinesischen Trauergemeinde erklärte dem amerikanischen Professor: “Wenn wir früh genug aufstehen und klagen, bevor der Verstorbene merkt, dass er wirklich tot ist, dann wird dadurch sein Kummer verringert. Je mehr wir weinen, umso weniger muss er es tun.”

Mit anderen Worten, der Ausdruck der Trauer der östlichen Trauernden ist auf das schmerzhafte Erlebnis des Verstorbenen gerichtet anstatt auf den eigenen Verlust.

Seit der Popularisierung der ‘5 Stadien des Verlustes’, die oben aufgeführt sind, nehmen westliche Trauernde manchmal an, sie müssten ‘durch diese 5 Phasen gehen, um Zustimmung zu erreichen’. Das ist eine Fehlinterpretation.

Elisabeth Kübler-Ross hat vor allem den Prozess der Bewältigung des Verlustes des eigenen Lebens beobachtet. Dabei war unvermeidlich, dass sie auch vielen Angehörigen begegnet ist, die gerade einen nahestehenden Menschen verloren hatten, doch deren Trauerprozess war nicht der Mittelpunkt ihrer Arbeit.

Sie meinte, dass “der körperliche Tod des Menschen mit dem Geschehen identisch ist, wie wir es bei dem Heraustreten des Schmetterlings aus dem Kokon sehen können. Der Kokon samt seiner Larve ist der vorübergehende menschliche Körper.”

 

“Steht jedem Menschen bloß ein gewisses Maß zu, und wenn man das überschreitet wird irgendein Elend ausgelöst?”Treya Wilber

Ken und Treya Wilber hatten ein gemeinsames Erlebnis der ‘dunklen Nacht’. Sie erzählen ihre bewegende Geschichte in dem autobiographischen Buch Mut und Gnade.

Hier erinnert sich Ken an eine Unterhaltung mit Treya kurz nachdem sie einander begegnet waren und wussten, dass sie ‘für immer’ zusammen sein würden:

Wir sind allein, sitzen vor dem offenen Kamin, das Feuer lodert gegen die kühle Nacht, der Strom im Haus ist wieder einmal ausgefallen. “Da, auf deiner linken Schulter,” sagt Treya. “Kannst du es sehen?”
“Sehen, nein ich kann nichts sehen. Was sehen?”
“Tod. Da ist er, auf deiner linken Schulter.”
“Das meinst du doch nicht im Ernst? Soll das ein Witz sein? Ich verstehe nicht, was du meinst.”
“Wir haben doch darüber gesprochen, dass der Tod ein großer Lehrer ist, und ganz plötzlich, auf deiner linken Schulter, habe ich diese dunkle doch machtvolle Gestalt gesehen. Es ist der Tod, ich bin ganz sicher.”
“Hast du öfters Halluzinationen?”
“Nein, nie. Ich habe bloß den Tod auf deiner linken Schulter gesehen. Ich weiß nicht, was es bedeutet.”
Ich kann’s nicht ändern. Ich blicke auf meine linke Schulter. Ich kann nichts sehen.

Wenige Monate nach dieser Unterhaltung wurde bei Treya ein aggressiver Krebs diagnostiziert. Hier ist ihre erste Reaktion auf die Diagnose:

“Es ist wirklich wahr. Ich liege im Bett, starr vor Schock und Fassungslosigkeit, während die Welt um mich ruht. Ken liegt neben mir; ich kann seine tröstliche Gegenwart spüren, warm und stark. Doch plötzlich fühle ich mich schrecklich allein. Ich habe Krebs. Ich habe Brustkrebs. Ich glaube, dass das wahr ist, und gleichzeitig kann ich es nicht glauben; ich kann es nicht in mich reinlassen. Und doch weckt mich dieses Wissen in der Nacht auf, es packt mich am Hals, strömt mir aus den Augen und lässt mein Herz wie wild schlagen. Es schlägt so laut in dieser stillen, sanften Nacht, und Kens tiefe Atemzüge neben mir.”

Treya und Kens Ehe war von Anfang an von der lebensbedrohlichen Krankheit überschattet, und sie dokumentierten ihre tiefgründige Reise durch die Landschaft von Liebe und Tod. Ihr Buch ist ein aufschlussreicher Bericht über den Prozess des Verlustes, nicht durch wissenschaftliche Forschung oder Verpflichtungen gegenüber einem Klosterleben, sondern durch ‘gewöhnliches Erleben’ im Alltag.

Mut und Gnade vermittelt viele Einblicke in das Spektrum der intensiven emotionalen, körperlichen und spirituellen Herausforderungen, die sich in diesen Jahren stellten. Nach dem anfänglichen Schock der Diagnose wurde Treyas Geist von vielen Fragen überschwemmt:

“Wurde ich irgendwie dafür bestraft, dass ich in diesem Leben so viel bekommen habe, eine Familie, die ich wirklich genossen habe, Intelligenz und eine gute Erziehung, gutes Aussehen und jetzt diesen unglaublich phantastischen Ehemann? Steht jedem Menschen bloß ein gewisses Maß zu, und wenn man das überschreitet, wird irgendein Elend ausgelöst?”

 

“Wahre Liebe führt dich weit über dich selbst hinaus.”Ken Wilber

Ken und Treya Wilber zeigen den Prozess des Verlustes aus zwei Perspektiven, der Sterbenden und dem Trauernden. In einem Brief an Freunde teilt Ken sein Erlebnis als Betreuer mit:

“Nach ein paar Monaten … dämmert es der Pflegeperson allmählich: die Tatsache, dass deine Probleme im Vergleich zu anderen, Krebs beispielsweise, unerheblich sind, lässt diese Probleme nicht verschwinden. Im Gegenteil, sie werden schlimmer…, Tod hängt in der Luft; und Wut, Unmut und Bitterkeit schleichen sich unerbittlich ein, gemeinsam mit schrecklichen Schuldgefühlen, dass man derartig dunkle Gefühle hat.”

Die fünf Jahre ihrer Ehe war eine riesige Herausforderung für beide, doch es herrschte nicht nur Dunkelheit. Treya hatte zahlreiche Behandlungen und erforschte viele Wege, um inneren Frieden zu finden.

“Erst bei dem Spaziergang im Botanischen Garten fand ich meinen inneren Frieden in der Situation.”, schreibt sie. “So ist die Sachlage. Wir werden unser Bestmögliches tun, und die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Nichts lässt sich vorhersagen, sich an etwas klammern ist unnötig, nach bestimmten Ergebnissen streben und sich gegen andere stemmen hat keinen Zweck, das führt bloß zu Leiden. Es ist ein gutes Leben, Ken ist mein Liebster, und guck mal, die Farbe dieser Rosen!”

Treyas Einstellung gegenüber dem Leben, ihre Disziplin und konstruktives Engagement mit der Situation war für beide eine ungeheure Hilfe. Sie ließ sich orthodox behandeln, ergänzt durch eine Reihe alternativer Therapien.

Regelmäßige Meditation gab beiden die Unterstützung, die sie dringend benötigten. Treya weist ausdrücklich auf den Wert von spontanem persönlichem Erleben hin, das ihr in ihrem Lern- und Wachstumsprozess geholfen hat.

“Ich liebe das Zerfließen in den unbegrenzten Raum, in die Leere, bei meiner Meditation. … Ich habe erkannt, dass dies eine wahre Hilfe für mich sein wird, wenn der Zeitpunkt des Sterbens kommt. Weil es ein Erlebnis war, keine Lehre, nicht etwas, das ich gelernt habe oder das mir als Wahrheit erzählt wurde, sondern das spontan zu mir kam. Ich bin wirklich überzeugt, dass mir dies beim Loslassen sehr helfen wird.”

Durch die persönliche direkte Erfahrung des ‘Zerfließens in die Leere’ konnte sie am Ende ihres Lebens wahre und vollständige Zustimmung erreichen. Hier beschreibt Ken ihre letzten Stunden:

“Und so begannen die außerordentlichsten 48 Stunden unseres gemeinsamen Lebens. Treya hatte beschlossen zu sterben. … Ich legte Treya an dem Abend ins Bett und setzte mich neben sie. Ihr Zustand war beinahe ekstatisch. ‘Ich gehe, ich kann es nicht glauben, ich gehe. Ich bin so glücklich, ich bin so glücklich, ich bin so glücklich. Das wiederholte sie wie ein Mantra zum endgültigen Loslassen, ‘Ich bin so glücklich, ich bin so glücklich, …’

Ihr ganzes Gesicht hellte sich auf. Sie leuchtete. Und vor meinen Augen begann ihr Körper sich zu verändern. Innerhalb einer Stunde sah es aus, als hätte sie 5 kg an Gewicht verloren. Es war, als habe sich ihr Körper ihrem Willen gefügt und angefangen zu schrumpfen… Innerhalb jener Stunde war sie ein anderes Wesen geworden, bereit und gewillt die Erde zu verlassen.”

Diese Beschreibung bestätigt die Beobachtungen von Elisabeth Kübler-Ross. Treya Wilber bereitete sich darauf vor, ‘ihren Kokon zu verlassen’.

Im Augenblick des Todes seiner Frau spürte Ken Wilber, wie sein Herz zerbrach. “Wahre Liebe schmerzt;” schreibt er, “wahre Liebe macht dich vollkommen verletzlich und offen; wahre Liebe führt dich weit über dich selbst hinaus; und darum wird wahre Liebe dich vernichten.”

 

“Trauern ist der Geisteszustand, in dem das Gefühl die leere Welt wiederbelebt.”Walter Benjamin

Der Weg der Flammen führt durch das Erleben von Verlust und hilft uns dabei, uns selbst besser anzunehmen.

Der Verlust fordert uns dazu auf, alte Bindungen des Egos aufzulösen, Bindungen an einen nahestehenden Menschen, ein geliebtes Haustier, wertvollen Besitz, einen geschätzten Lebensstil, den guten Ruf oder den Gesundheitszustand, den man für selbstverständlich hält.

Du kannst den Verlust als Gelegenheit nutzen, zu lernen und zu wachsen, doch es kann verdammt schwer sein, die ‘Lektion’ zu begreifen, die dir der Verlust angeblich erteilen soll. Was verloren ist, das ist nicht mehr da. Übrig bleibt zunächst nur Leere, Nichts, Dunkelheit, Abwesenheit von etwas, das dein Leben heller und schöner gemacht hat.

Es ist besonders schwierig, den Sinn von etwas zu verstehen, wenn das innere Licht ausgegangen ist. Darin liegt das Problem mit der Zustimmung zum Verlust. Wem und wozu soll man überhaupt zustimmen?

Wahre Akzeptanz lässt sich nicht ohne Trauer finden. Nach dem Verlust muss etwas sterben, auch wenn es nur die Bindung an etwas Kostbares ist. Der Tod der eigenen Bindung löst das Empfinden von Dunkelheit und Leere aus.

Ken Wilber erinnert sich an die Zeit, als es keinen Zweifel mehr daran gab, dass Treya sterben würde: “Bei diesem Gedanken überkam es mich, ich fing an zu weinen, ich schluchzte laut und hemmungslos. Ein paar Leute stellten mir besorgte Fragen, auf Deutsch natürlich; jetzt hätte ich meine Karte gebrauchen können, auf der stand: ‘Ich habe dazu die besondere Erlaubnis von Dr. Scheef.’”

Die Trennung ist ein Schock, und sie bringt vielleicht deine Pläne zum Stillstand. Doch auf der Kehrseite schenkt sie dir die Freiheit, etwas Neues zu gestalten. In diesem Sinne lässt sich jedes Verlust-Ereignis als Moment deuten, in dem man auf der Lebensreise einen neuen Gang einlegen soll.

Verlust verlangt von uns ‘auf neutral zu gehen,’ bevor wir in einen anderen Gang schalten — das ist ein anderes Wort für Transformation.

Der praktische Umgang mit dem Erleben von Verlust auf konstruktive Art führt zu einer tiefgreifenden Umwandlung. Ken Wilber beschreibt sein Erlebnis hier:

“Mein unablässiges Dienen für  Treya riefen in ihr beinahe überwältigende Gefühle der Dankbarkeit und Güte hervor, und die Liebe, die sie für mich empfand, begannen mein ganzes Dasein zu sättigen. Durch Treya wurde ich vollkommen erfüllt…  Und in ihrer Liebe und ihrem Mitgefühl für mich wurde auch Treya vollkommen erfüllt. Es gab keine leeren Orte mehr in ihrer Seele, keinen Winkel, der nicht von Liebe berührt war, keinen einzigen Schatten in ihrem Herzen.”

 

Überblick über den Weg der Flammen

Der Weg der Flammen dient dazu, das Erleben von VERLUST als Heilimpuls zu nutzen. Dieser Weg wird von der Seele beherrscht, und er regt die Selbsterkenntnis an.

Wenn du etwas Wertvolles verlierst — eine enge Beziehung, eine goldene Gelegenheit, einen geschätzten Gegenstand oder einen lange gehegten Traum — dann passieren zunächst dreierlei Dinge: der Verlust kommt als Schock, er setzt bestimmten Hoffnungen und Erwartungen ein Ende, und du fühlst dich machtlos, irgendetwas daran zu ändern.

Diese 3 Aspekte des Erlebnisses sind in den ersten 3 Schritten des Weges der Flammen repräsentiert. Sie können emotionale Wellen von Wut, Zorn, Angst usw. auslösen. Was zuvor hell aussah ist plötzlich von einer unerklärlichen Dunkelheit überschattet.

Dieser Prozess macht es leichter, die innere Dunkelheit zu betreten, und zu durchschreiten, ohne sich darin zu verlieren.

1. Flamme — Seele — Schock

Ein Schock ist ein Zusammenprallen mit der Realität, wodurch du nicht so weiterleben kannst, wie du es beabsichtigt hattest. Jedes beliebige Erlebnis von Verlust kann einen Schock auslösen. Es kann plötzlich eintreten — z.B. ein Unfall passiert, du erhältst schlechte Nachrichten, wertvolles Eigentum verschwindet — oder er kommt als allmähliche Erkenntnis, und es ist unangenehm, den Signalen Aufmerksamkeit zu schenken.

Beim ersten Schritt auf dem Weg der Flammen wirst du dazu ermutigt, die ‘schockierende Wahrheit’ anzuerkennen.

Erkenne den Schock deines Verlustes an. Beschreibe, was passiert ist.

Was ist die schockierende Wahrheit?

2. Flamme — Wille — Einsamkeit

Als Ergebnis des ‘schockierenden Verlustes’ fühlst du dich von dem Leben abgeschnitten, das du dir erhofft hattest. Dadurch fühlst du dich isoliert und einsam.

Wende dich deiner Einsamkeit zu, erkenne sie an und beschreibe sie.

Inwiefern fühle ich mich vom Leben abgeschnitten?

3. Flamme — Leib — Ohnmacht

Überwältigt durch Schock und Einsamkeit stürzt du in einen inneren Zustand der Ohnmacht. Diese Machtlosigkeit kann von Angst, Wut oder Verzweiflung begleitet sein.

Wie erlebe ich meine Ohnmacht?

4. Flamme — Intellekt — Reue

Verlust bringt oft Reue mit sich. Du fragst dich vielleicht, ob du irgendetwas hättest tun können, um den Verlust zu vermeiden.

Finde heraus, was du im Zusammenhang mit deinem Verlust bereust.

Was bereue ich?

5. Flamme — Instinkt — Trauer

Jetzt wende dich deinem emotionalen Zustand zu. Lass Kummer, Traurigkeit, Enttäuschung und andere Gefühle hochkommen und nimm sie wahr.

Trauere über deinen Verlust. Gib deinem Kummer Ausdruck.

Welche Gefühle löst dieser Verlust in mir aus?

6. Flamme — Imagination — Dunkelheit

Nun bist du bereit, in die innere Dunkelheit einzutreten. Bei den vorangegangenen 5 Schritten auf diesem Weg hast du bereits einige Eindrücke davon gesammelt, was in deinem Innern vor sich geht. Dennoch kann es sehr beängstigend und beunruhigend sein, diesen dunklen inneren Bereich zu betreten. Sei umsichtig und nimm dir Zeit für diesen Schritt.

Die Dunkelheit wird oft als leer und still empfunden. Wende dich deiner inneren Stille und Leere zu.

Schließe die Augen und visualisiere deine innere Dunkelheit.

Lass dich von der Flut deiner inneren Unruhe umspülen, lass die Wogen deiner Gefühle anschwellen und zurückweichen.

Lass die Stille aus dem Dunkel treten und erlaube ihr, dich einzuhüllen.

Spüre die Wellen von Schock, Einsamkeit, Ohnmacht, Reue und Trauer, und lass sie in das Meer des unendlichen Bewusstseins zurückfließen.   

7. Flamme — Intuition — Gnade

Die Dunkelheit lädt dich dazu ein, alles loszulassen, woran du dich klammerst, bis du ganz leer wirst. Im Zustand der inneren Leere bist du bereit, etwas Neues zu empfangen, das dir Zuversicht gibt. Der Zustand der völligen Leere bereitet dich darauf vor, Geschenke der Gnade zu empfangen.

Gnade ist ein Geschenk, das wir empfangen. Sie kann in Form von unerwarteter Hilfe kommen, eine neue Möglichkeit bzw. Gelegenheit tut sich auf, ein ruhiges Empfinden, das ‘alles in Ordnung sein wird’ steigt im Innern hoch. All das kann man Gnade nennen.

Horche auf die beruhigende und tröstliche Stimme der Gnade.

In welche Form empfange ich Geschenke der Gnade?

8. Flamme — Inspiration — Dankbarkeit

Der Weg der Flammen führt aus dem beunruhigenden Ereignis des Verlustes in ein neues Erlebnis der Erfüllung. Sobald du deine persönlichen Gaben der Gnade erkennst, bist du bereits auf dem Weg, die vernichtende Leere hinter dir zu lassen. Jetzt bist du bereit für ein neues Erlebnis der Erfüllung, und dies lässt sich durch das Empfinden von Dankbarkeit fördern.

Lenke deine Aufmerksamkeit auf das Erlebnis von Dankbarkeit.

Wofür bin ich dankbar?

Der Philosoph Walter Benjamin beschreibt Trauern als “den Geisteszustand, in dem das Gefühl die leere Welt wiederbelebt.”

In seiner Dissertation über den Ursprung des deutschen Trauerspiels weist er darauf hin, dass zu jeder Tragödie auch eine Portion Humor gehört:

“Die Komik – richtiger: der reine Spaß – ist die obligate Innenseite der Trauer, die ab und zu wie das Futter eines Kleides im Saum oder Revers zur Geltung kommt.”

Selbst die Geschichte von Ken und Treya Wilber bietet Einblicke in die humorvolle Innenseite des tragischen Lebenskampfes des Menschen. Und trotz der langjährigen Dunkelheit, in der sie lebte, ist Mutter Teresas Gesicht von den Spuren der ‘göttlichen Komödie’ gezeichnet.

 

© Veronika Bond, 2017

Dies ist ein Entwurf des 24. Kapitels des Buches Der Horizont, Band 2 des Solosystems.

Zur Ergänzung gibt es einen e-Letter mit zusätzlichen Informationen zum Buch und dem kreativen Prozess, der dahintersteckt.

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