Bewusstsein im Paradies

Veronika Bond Der Horizont Leave a Comment

‘Der Horizont’, Teil 2, zwölftes Kapitel: über die dramatische Entwicklung des embryonalen Bewusstseins im Mutterleib und warum frühkindliches Trauma den Schlüssel zum Paradies enthält

 

“Wir tasten uns zu den Anfängen, den Wurzeln unseres seelischen Daseins.”Bettina Alberti

Das Leben des menschlichen Bewusstseins beginnt, soweit wir wissen, in der Gebärmutter einer Frau. Diese frühe Periode wird allgemein mit Unschuld — bzw. Unwissenheit — und Glückseligkeit  assoziiert. Wir müssen nichts tun außer einfach da sein. Unsere bloße Existenz macht andere Menschen glücklich.

Wir haben keinerlei Verantwortung, und für alles, was wir im Leben brauchen, ist gesorgt. Das klingt beinahe zu schön um wahr zu sein. Es klingt, als seien wir buchstäblich ‘menschliches Bewusstsein im Paradies’. Wir wollen herausfinden, was hinter diesem Schöpfungsmythos steckt.

Sebastian war 14 Monate alt, als ihn seine Eltern in die Praxis eines Therapeuten in Basel brachten. Als sie zu dem Termin eintrafen, war das Kind gerade im Kinderwagen eingeschlafen. Sollten sie ihn aufwecken?

Der Therapeut meinte, das sei nicht nötig.

‘Sebastians Problem’ war, dass er jede Nacht mehrmals aufwachte. Die Mutter war völlig erschöpft. Der Vater konnte nicht helfen, denn das Baby war vollkommen auf die Mutter fixiert und schien ihn abzulehnen.

Ein weiteres Symptom machte den Eltern Sorgen: Der kleine Junge hatte häufig unkontrollierbare Wutanfälle und schlug dabei mit dem Kopf auf den Boden.

Der Therapeut hörte sich die Beschreibung des Problems aus der Perspektive beider Eltern an. Er arbeitete zunächst mit der Mutter, denn sie schien dringend Unterstützung zu brauchen.

Dann teilte ihm der Vater mit, dass auch er als Kind mit dem Kopf auf den Boden geschlagen habe. Das Symptom habe bis in die Pubertät angehalten. Wie hatte er schließlich das destruktive Verhalten verloren?

In der Pubertät hatte Sebastians Vater erfahren, dass der Mann, den er für seinen Vater gehalten hatte, nicht sein leiblicher Vater war. Als seine Mutter schwanger wurde, merkte der Mann, der ‘daran beteiligt war’, dass er nicht dazu bereit war Vater zu werden und verließ sie. Die Mutter begann bald darauf eine neue Beziehung mit einem Mann, der die Rolle bereitwillig übernahm und dem Kind ein guter Vater wurde.

Während Sebastians Vater seine Geschichte erzählte, bemerkte der Therapeut, wie sich seine Hand zu einer Faust ballte, und er wollt Näheres dazu wissen.

Die ‘Geschichte der geballten Faust’ setzte ein Flut von lebenslanger Wut, Groll und Verzweiflung frei, die im Gedächtnis des Bewusstseins dieses Mannes gespeichert war.

In der Zwischenzeit war Sebastian aufgewacht. Er kam in den Behandlungsraum, ging direkt zu seinem Vater und kletterte auf seinen Schoß.

Ein Telefonanruf einige Wochen später bestätigte, dass ‘Sebastians Probleme’ gelöst waren. Er schlief viel besser. Wenn er nachts aufwachte, ließ er sich auch vom Vater beruhigen. Und die Wutanfälle mit dem Kopfschlagen hatten aufgehört.

So überraschend diese Geschichte klingen mag, sie ist kein Einzelfall. Eine neue Generation von pränatalen Psychologen hat damit begonnen, die Wirkungen von Trauma über Generationen hinweg zu studieren.

In ihrem Buch Die Seele fühlt von Anfang an  schreibt die Psychotherapeutin Bettina Alberti: “Wie wir heute anerkennen, dass Erfahrungen aus der Kindheit für einen Menschen von großer Bedeutung sein können, so gehen wir jetzt noch weiter zurück. Wir tasten uns zu den Anfängen, den Wurzeln unseres seelischen Daseins.”

 

“Es hat Jahre gedauert, bis ich verstand, dass auch dies ein Geschenk war.”Mary Oliver

Wer war Sebastians Therapeut? Was hatte er getan? Besaß er Zauberkräfte?

Wie war es ihm gelungen, in einer einzigen Sitzung den Bann zu brechen, unter dem eine ganze Familie litt?

Franz Renggli ist ein pränataler Therapeut in Basel. Er arbeitet mit kleinen Kindern und deren Eltern. Sebastians Geschichte ist natürlich einmalig, doch in seiner Praxis ist sie nicht ungewöhnlich.

Er arbeitet auch mit Menschen in jedem Alter, die ein Trauma auflösen wollen, das sie während der Schwangerschaft oder Geburt erlebt haben. Außerdem arbeitet er mit Paaren, die Schwierigkeiten in ihrer Beziehung haben, denn diese beruhen oft auf frühkindlichen traumatischen Erlebnissen.

Ursprünglich hat Franz Renggli Zoologie studiert, und er hatte daran gedacht, Filmemacher zu werden. Er heiratete und wurde Vater von zwei Kindern, zu denen er eine enge Beziehung hatte. Dann zerbrach die Ehe.

Dieses Erlebnis löste Erinnerungen an ein altes Trauma aus, und die Assoziationen führten ihn zurück in seine eigene Zeit im Mutterleib.

Eine lange Reise, unter Begleitung einiger Pioniere der pränatalen Therapie, brachte die Erinnerung zurück, dass die Mutter von Franz einen Selbstmordversuch unternommen hatte, als sie mit ihm schwanger war.

Sein Vater hatte während der Zeit eine Beziehung mit einer anderen Frau angefangen, was die Mutter in Verzweiflung stürzte. Als Baby wäre Franz zwei Mal beinahe gestorben — das erste Mal während des Selbstmordversuchs, und dann noch einmal bei der Geburt.

Sein eigener Heilungsprozess weckte in ihm ein tiefes Interesse an der vorgeburtlichen Entwicklung des menschlichen Bewusstseins.

Franz Renggli machte die schmerzliche Erfahrung, dass sich traumatische Erlebnisse vor der Geburt destruktiv auf das Erwachsenenleben auswirken, insbesondere auf Liebesbeziehungen. Er wollte seinen eigenen Schmerzen auf den Grund kommen, und im Verlauf des eigenen Heilungsprozesses wurde er selbst zu einem begnadeten Pionier der pränatalen Therapie.

Die Lebensgeschichte von Franz Renggli erinnert mich an ein Gedicht der amerikanischen Dichterin Mary Oliver. Es kam ihr im Traum:

Der Nutzen von Kummer

Jemand, den ich liebte, gab mir einst
eine Schachtel voll Dunkelheit.
Es hat Jahre gedauert, bis ich verstand,
dass auch dies ein Geschenk war.

 

“Früher hielt man die Zeit in der Gebärmutter für unwichtig.”Benig Mauger

Früher glaubten Psychologen, dass Säuglinge und Kleinkinder ‘unbewusst’ sind. Sie dachten, dass das Bewusstsein zu einem späteren Zeitpunkt im Leben irgendwie ‘erwacht’.

Ärzte führten an Säuglingen sogar Operationen ohne Betäubung durch, z.B. Beschneidungen, in der Meinung, dass sie keine Schmerzen empfinden!

Die irische pränatale Therapeutin Benig Mauger sagt: “Die Zeit in der Gebärmutter wird erst seit Kurzem überhaupt wahrgenommen. Früher hielt man diese Phase für unwichtig.”

Jetzt wissen wir, dass das menschliche Bewusstsein vom Augenblick der Empfängnis an vollkommen gegenwärtig ist. Manche meinen, dass unser Einzelbewusstsein sogar bereits vor dem Eintreten in die Gebärmutter existiert.

Erich Neumann, ein Student von Carl Gustav Jung, regte an, “das ganze erste Säuglingsjahr noch zur Embryonalzeit zu rechnen.”

Mit anderen Worten, die Periode des embryonalen Bewusstseins im Menschen dauert von der Empfängnis (bzw. vor der Empfängnis) bis etwa ein Jahr nach der Geburt. Der Grund dafür ist, dass menschliche Säuglinge unreif geboren werden. Wenn wir bei der Geburt die Gebärmutter verlassen, dann sind wir noch nicht überlebensfähig, wie dies bei anderen Säugetieren der Fall ist.

In seinem Buch Das Kind erklärt Erich Neumann: “Die menschliche Art macht nicht nur eine Embryonalzeit durch, in welcher das Dasein des Kindes psychisch und physisch in den Leib der Mutter eingefügt ist, sondern ihr folgt eine post-uterine, nachgeburtliche Embryonalzeit, in der das Kind … den mütterlichen Händen der Natur entzogen und der menschlichen Mutter anheim gegeben wird.”

Heute würden wir das wohl umformulieren und sagen, dass das Kind im zweiten Teil seiner embryonalen Entwicklungsphase den Händen von Mutter und Vater anvertraut ist.

Pränatale Therapeuten wie Franz Renggli beziehen den Vater auch in die vorgeburtliche embryonale Phase ein. Sie wissen, dass der Vater im Leben des werdenden Kindes eine ganz wesentliche Rolle spielt, denn sie wissen, dass auch das Baby das weiß.

Vor der Zeit der pränatalen Psychologie herrschte ein idyllisches Bild von den ersten 9 Monaten des Menschenlebens. Wir stellten uns vor, das ungeborene Baby wachse in der Gebärmutter in einer perfekten, geschützten Umgebung heran. Während dieser Phase sei das menschliche Bewusstsein gewissermaßen in seinem eigenen kleinen Paradies.

Wir glaubten, das große Trauma finde bei der Geburt statt, und dies wurde als eine Wiederholung des ‘Sündenfalls’ interpretiert.

Die Arbeit von Franz Renggli und seinen KollegInnen entlarvt die paradiesische Gebärmutter als Mythos. Andererseits können wir daraus lernen, dass das Paradies, nach dem wir uns alle sehnen, in unserem eigenen Bewusstsein lebt.

Mit anderen Worten, das Paradies existiert in unserem Innern, in der Form von schlummerndem Potenzial. Unsere Schöpfungsarbeit besteht unter anderem darin, dieses potentielle Paradies zu entdecken, und es in ein bewohnbares Zuhause zu verwandeln. Mal sehen, wie eine solche Arbeit aussehen könnte.

 

“Wir alle tragen so ein weinendes oder tobendes Baby in uns.”Franz Renggli

Das Baby, das wir am Anfang sind, lebt in uns weiter durch alle Phasen unserer Entwicklung. Franz Renggli ist überzeugt, dass “wir alle so ein ‘weinendes oder tobendes Baby’ in uns tragen.” Darum wird durch ein weinendes Kind “dieses ‘innere Kind’ sofort geweckt – in allen Menschen.”

Pränatale Therapeuten glauben außerdem, dass Babies in die Welt kommen, um den Eltern dabei zu helfen, traumatische Erlebnisse zu heilen, die in deren embryonalem Bewusstsein gespeichert sind. “Somit wird das Baby zu einer Chance für die Eltern,” sagt Franz Renggli. “Es kann ihnen helfen, ihre eigenen verborgenen Gefühle zu lösen und zu befreien. Ein Baby wird so zum ‘Lehrmeister’ der Eltern.”

In der ‘archaischen Phase’ ist unser embryonales Bewusstsein extrem empfindlich und eng mit seiner unmittelbaren Umgebung verbunden. Wir wissen genau, was um uns her geschieht — in der Gebärmutter und in der Familie.

Als werdender Säugling bist du Teil deiner Mutter und deines Vaters. Du empfindest ihre Gefühle, und zwar nicht nur weil du selbst ein ‘Gefühlsbündel’ bist. Du erlebst ihre Erlebnisse in den Zellen deines Körpers, denn dein Körper ist buchstäblich aus den Zellen ihrer Körper gewachsen.

Die Erlebnisse beider Eltern sind im Erleben des Säuglings sogar stärker gegenwärtig als in der Erkenntnis der Eltern, wie wir in Sebastians Geschichte gesehen haben.

Während der embryonalen Periode bilden wir eine Einheit mit den Eltern, obwohl wir bereits ein menschliches Einzelbewusstsein sind. Diese Einheit bildet die Grundlage für alle intimen Beziehungen später im Leben.

Wenn das Baby ein traumatisches Erlebnis hat, dann kann es diese Information nicht einordnen. Es fühlt sich bedroht und verfällt in einen Schockzustand. Die Information friert ein und wird als Erinnerung im individuellen Bewusstsein gespeichert. Dies haben Franz Renggli und Sebastians Vater erlebt, und dasselbe ist auch in meiner persönlichen Geschichte geschehen.

 

“Der Beginn unseres irdischen Lebens ist mit einer intimen Beziehung zwischen einer Samen- und einer Eizelle verstrickt.”Veronika Bond

Während meiner eigenen embryonalen Periode entwickelte meine Mutter eine sogenannte Schwangerschaftsvergiftung. Dies kann für Mutter und Kind lebensbedrohlich sein. Zur Linderung der Symptome bekam meine Mutter Morphium, was damals zur Standardbehandlung gehörte.

Ich wurde dadurch zwei Wochen zu früh geboren. Meine Mutter hat immer gesagt, meine Geburt sei für sie kurz und schmerzlos gewesen. Ich war als Säugling ruhig und machte keinerlei Probleme — vielleicht hat mich das Morphium ‘beruhigt’.

Jetzt ist bekannt, dass lebensbedrohliche Zustände in der Gebärmutter im Baby eine Überlebensreaktion auslösen. Das embryonale Bewusstsein entscheidet dann, ob es sterben und in die geistige Welt zurückkehren will, oder ob es sich denkt ‘nichts wie raus aus dieser Hölle’, um in der menschlichen Welt zu leben.

In Unterhaltungen mit meiner Mutter erfuhr ich später, dass sie eigentlich keine Töchter haben wollte. Sie dachte ‘Mädchen sind schwierig’, und es war ihr immer schwer gefallen, ihre eigene Weiblichkeit anzunehmen.

Sie brachte 5 Kinder zur Welt, 4 davon waren Jungen. Sie hatte auch eine Totgeburt und mehrere Fehlgeburten. Die Totgeburt war ein Mädchen.

Diese Information war in mein embryonales Bewusstsein eingeprägt. In meinem frühen Erleben hatte sich die schützende Gebärmutter gegen mich gerichtet und gedroht, mich zu töten. Dadurch wurde ich hochempfindlich, und ich musste mich bereits früh auf meine eigenen Kräfte verlassen. Der Überlebenskampf war eine meiner frühesten Lebenslektionen.

Natürlich waren mir diese Erlebnisse auf der mentalen Ebene nicht bewusst. Ich wuchs in einer ‘perfekten Familie’ auf und hatte eine sehr behütete Kindheit. Der archaische Kampf ums Überleben trat erst später in meinen Beziehungen wieder zum Vorschein.

Jede intime Beziehung entwickelte sich in eine Art Überlebenskampf. Ich hatte das Gefühl, als ob die Beziehung mir das Leben verweigerte. Früher oder später wurde es so bedrohlich, dass ich nur noch den einen Gedanken hatte: ‘Nichts wie raus aus dieser Hölle’.

Pränatale Therapeuten glauben, dass alle Beziehungsstörungen mit traumatischen Erlebnissen in der Gebärmutter verbunden sind. Das leuchtet mir sehr ein. Schließlich ist der Beginn unseres irdischen Lebens mit einer intimen Beziehung zwischen einer Samen- und einer Eizelle verstrickt.

 

“In jedem Trauma liegt eine wunderbare Kraft verborgen. Diese zu erlösen und zu verwandeln, das ist unsere Lebensaufgabe.”Franz Renggli

Unser Leben beginnt in dieser intimen Beziehung mit Mutter und Vater — im Guten wie im Bösen. Aus dieser Erfahrung nehmen wir ein bestimmtes Muster davon auf ‘wie intime Beziehungen funktionieren’.

Außerdem wird uns eine bestimmte soziale Einstellung eingeflößt, eine Haltung gegenüber uns selbst, unserem Geschlecht und unserer Rolle in der Gesellschaft. Diese Einstellung kann schwerwiegende Folgen haben.

Erich Neumann schreibt: “Die Stellung des Kollektivs zum Kinde, seinem Geschlecht, seiner Individualität und seiner Entwicklung kann über Leben und Tod entscheiden. Ein Mädchen, ein Knabe oder ein Zwilling zu sein, ebenso wie Besonderheiten des Körpers oder der Geburtsumstände, welche vom Kollektiv als ‘negativ’ gewertet werden, erweisen sich als ebenso verhängnisvoll wie eine von der Natur gesetzte organische oder psychische Missbildung.

Auch diese Information bleibt das ganze Leben hindurch erhalten. Sie bestimmt unser Selbstbild, Selbstbewusstsein, Erwartungen an uns selbst und die Welt, unser Verhalten, die Entscheidungen, die wir treffen und wie wir mit anderen Menschen umgehen.

Das Muster muss jedoch nicht gestört und destruktiv bleiben. Es muss kein privates Gefängnis werden, das uns zur selbst geschaffenen Einzelhaft veurteilt.

Traumatische Erlebnisse gehören zum Leben, aber — wie Peter Levine sagt — sie müssen keine lebenslängliche Haftstrafe sein.

Dein Trauma folgt dir wie ein Schatten. Es kann Macht über dich ausüben wie ein Fluch. Es kann dich dazu zwingen, an den ‘Ort des Verbrechens’ zurückzukehren und dir Schuldgefühle einflößen, als seist du ein Verbrecher. Es kann dir sogar in deinen Kindern begegnen, wie Sebastians Vater es erlebte.

Der wahre Grund für diese Beharrlichkeit besteht darin, dass deine traumatischen Erlebnisse aus der frühen Kindheit dir die Chance geben, eine einzigartige, wertvolle und persönliche Gabe zu entdecken. Darum ist es so schwer, altes Trauma loszuwerden.

In seinem Buch Das Goldene Tor zum Leben schreibt Franz Renggli: “In jedem Trauma liegt eine wunderbare Kraft oder Energie verborgen. Diese zu erlösen und zu verwandeln, das ist unsere Lebensaufgabe — darin liegt sogar die Bedeutung des Lebens.”

Wenn es uns gelingt, unser Trauma-Erleben in etwas Erfüllendes und Sinnvolles umzuwandeln — wie etwa eine glückliche Beziehung, oder eine berufliche Karriere, die eine echte Berufung istdann heilen wir nicht nur unser Trauma, sondern wir erschaffen gleichzeitig unser persönliches Paradies.

Das heißt, das menschliche Paradies wird gewissermaßen in eine traumatische Schale verkapselt. Während der embryonalen Periode bildet unser Bewusstsein eine einzigartige Kapsel schützend um unser persönliches Paradies, welches sich zu dem Zeitpunkt ebenfalls im embryonalen Zustand befindet.

Metaphorisch gesprochen enthält diese Kapsel einen Samen der Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse.

 

“Das Jetzt. Das ist wirklich wertvoll.”Eckhart Tolle

Das Trauma des embryonalen Bewusstseins bleibt wie gesagt in uns lebendig. Der Schmerz und das Leiden bleiben solange in uns erhalten — in den Zellen des Leibes und im gesamten Gewebe unseres  Bewusstseins — bis wir in der Lage sind, es aufzulösen und zu integrieren.

Falls es nicht aufgelöst und integriert wird, dann wird das Trauma des embryonalen Bewusstseins an die nächste Generation weitergereicht, und zwar über viele Generationen hinweg. Es lässt sich weder abschütteln noch ausmerzen. Und dafür gibt es einen guten Grund:

Unser Trauma erhält unsere Verbindung zur Urquelle des Lebens.

Alle Lebewesen bleiben mit der ursprünglichen Struktur des unendlichen Bewusstseins verbunden, und dieses existiert in einem Zustand ewiger Gegenwart. Wir erleben diesen Zustand ewiger Gegenwart während der embryonalen Periode. Jean Gebser beschreibt das so:

“Wir haben von der Unverlierbarkeit der archaischen Struktur gesprochen, die infolge ihrer Ursprungsgegenwärtigkeit auch heute stets gegenwärtig ist.”

Traumatische Erfahrungen leben im Dunkeln und verursachen Leiden — wie Albträume im Schlaf — bis das menschliche Bewusstsein zur Gegenwart erwacht.

Ein eindrückliches Beispiel für dieses Erwachen ist die Geschichte von Eckhart Tolle. Er war Ende Zwanzig und litt an Depressionen, als er ihm der folgende Gedanke in den Sinn kam: “Ich kann mit mir selbst nicht länger leben!!”

Diese Aussage rüttelte ihn auf. ‘Moment mal,’ dachte sich Eckhart, ‘wer ist dieses Selbst, mit dem ich nicht leben kann???’
Die Antwort traf ihn wie ein Schlag. Es war sein ‘Schmerzkörper’.

Diese Erkenntnis katapultierte Eckhart Tolle aus seiner inneren Dunkelheit. Nach diesem Ereignis verbrachte er zwei Jahre meditierend auf Parkbänken , um sein ‘Erwachen’ zu integrieren.

Er realisierte, dass der Schmerzkörper eine Identität war, die mit der Vergangenheit verhaftet war. Wenn er in der Gegenwart blieb, gab es keine Schmerzen. Plötzlich fühlte er sich glücklich, erfüllt und im Einklang mit dem Universum.

So entdeckte Eckhart Tolle die Kraft des Jetzt.

Mit der Meditationspraxis verankerte er sein Erlebnis des Erwachens in seinem Leib, und das Schreiben des Buches Die Kraft des Jetzt half ihm dabei, es in sein gegenwärtiges Bewusstsein zu integrieren.

Eckhart Tolles Gabe ist die Erkenntnis, dass der gegenwärtige Augenblick wirklich alles ist, was wir haben. Wir leben in einer mentalen Struktur, die an Zeit gebunden ist. Wir glauben sogar und reden davon, dass Zeit Geld ist.

Eckhart Tolle erinnert die Welt an die unbestreitbare Tatsache: “Zeit ist überhaupt nicht wertvoll, denn sie ist eine Illusion. Was du als wertvoll wahrnimmst, ist nicht die Zeit, sondern ein Punkt, der sich außerhalb der Zeit befindet: das Jetzt. Das ist wirklich wertvoll. Je stärker deine Aufmerksamkeit auf die Zeit gerichtet ist — Vergangenheit und Zukunft —umso mehr verpasst du das Jetzt, das Wertvollste, was es gibt.”

Für jede der 5 Bewusstseinsperioden besitzen wir ein bemerkenswertes Werkzeug, um schmerzhafte Erlebnisse zu integrieren. Für die embryonale Periode — die Phase, in der sich das menschliche Bewusstsein anscheinend im Tiefschlaf befindet — heißt unser Werkzeug Erwachen.

Traumatische Erlebnisse bleibt solange in der Dunkelseite unseres Bewusstseins, bis wir zum Erwachen bereit sind. Wenn wir dem Schmerz als Erwachsene wieder begegnen, dann ist das immer eine Gelegenheit, das Trauma in einen persönlichen Schatz umzuwandeln.

Das Erwachen der traumatischen Erinnerung aus der embryonalen Periode ist eine unserer großen Lebensaufgaben. Der englische Schriftsteller Neil Gaiman hat dieses Thema in seinem Buch Graveyard Book (Friedhofsbuch) in ein Schlaflied gefasst:

Schlaf mein kleines Baby-oh
Schlaf bis zum Erwachen
Wenn du groß bist,
Gehst in die Welt
Musst dich wohl aufmachen…

Küss eine Liebste
Tanz ein paar Sätze
Finde deinen Namen
Und verborgene Schätze…

Lebe dein Leben
Den Schmerz, die Feste
Geh jeden Weg,
Unternimm viele Sachen

Wenn du dich deinem Leben stellst — wenn du deinen Weg zum Erwachen findest und dem Trauma deines embryonalen Bewusstseins begegnest — dann entdeckst du, dass dein Bewusstsein, zumindest in diesem Leben, nie im Paradies gewesen ist; doch dass das Paradies immer in deinem Bewusstsein war.

 

© Veronika Bond, 2016

Dieser Artikel ist ein Entwurf des zwölften Kapitels des Buches Der Horizont, Band 2 des Solosystems.

Zur Ergänzung gibt es einen e-Letter mit zusätzlichen Informationen zum Buch und dem kreativen Prozess, der dahinter steckt.

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